Lisa Biber-Freudenberger über Synergien und Konflikte in der Umsetzung von Nachhaltigkeitszielen

    Sehr geehrte Frau Biber-Freudenberger, kürzlich wurden Sie zur Juniorprofessorin für ein vom BMBF finanziertes Projekt zu Landnutzung, Synergien und Konflikten im Rahmen der Agenda 2030 (LANUSYNCON) ernannt. Was ist das Ziel des Projekts?

    Im Projekt LANUSYNCON untersuche ich gemeinsam mit meiner Arbeitsgruppe wie sich die Umsetzung von Nachhaltigkeitszielen, auf Englisch Sustainable Development Goals oder auch SDGs, auf Konflikte und Synergien im Bereich der Landnutzung auswirkt. Die 17 SDGs wurden 2015 durch die Vereinten Nationen verabschiedet und sind ein Rahmenwerk, das sicherstellen soll, dass Entwicklung sowohl ökonomisch, sozial als auch ökologisch nachhaltig ist. Allerdings wird schnell deutlich, dass es zwischen einzelnen Zielen eine Reihe von Konflikten aber auch Synergien gibt, die insbesondere im Bereich der Landnutzung deutlich werden. Nehmen wir das Beispiel von Biodiversitätsschutz und den Ausbau von Infrastruktur. Beides sind Interessen, die durch einzelne SDGs vertreten werden und gleichzeitig im Konflikt zueinander stehen. Gleichzeitig kann es zwischen anderen Zielen Synergien geben, zum Beispiel dem Klimaschutz und Artenschutz. Durch den Schutz kohlenstoffreicher Wälder kann ein Beitrag für beide Ziele geleistet werden. Da jedoch Entscheidungen zur Umsetzung der einzelnen Ziele meistens von unterschiedlichen politischen Sektoren getroffen werden, stellt sich die Frage, ob Synergien und Konflikte in der Landnutzungspolitik überhaupt ausreichend berücksichtig werden.

    In LANUSYNCON untersuche ich mit meiner Arbeitsgruppe SDG Konflikte und Synergien am Beispiel von Landnutzung in Kenia und Tansania. Außerdem beleuchten wir die Rolle von Wissenschaft in der politischen Entscheidungsfindung näher indem wir uns sogenannte Schnittstellen wie den Weltklimarat (IPCC) oder den Weltbiodiversitätsrat (IPBES) näher anschauen. Diese Schnittstellen sind nämlich meistens ebenfalls sektoral angelegt, weshalb sich die Frage stellt, ob auch hier Synergien und Konflikte überhaupt ausreichend berücksichtigen werden und welchen Einfluss dies auf politischen Entscheidungen vor Ort nimmt.

    In ihrem vorherigen Forschungsprojekt STRIVE (Sustainable TRade and InnoVation transfer in the bioEconomy) haben Sie sich ebenfalls mit den Sustainable Development Goals (SDGs) auseinandergesetzt. Welche Verantwortung/Bedeutung sehen Sie für die Wissenschaft im Zuge der Agenda2030?

    Ich denke und hoffe, dass die Wissenschaft eine immer wichtigere Rolle spielen wird. In der Vergangenheit war Wissenschaft häufig so angelegt, dass sie immer kleinere Teile einer komplexen Wirklichkeit untersucht hat und dabei vielleicht manchmal das große Ganze aus den Augen verloren hat. Heute hat systemorientierte Wissenschaft eine ganz andere Relevanz, weil sie der politischen Realität, wo unterschiedliche Aspekte und Interessen gegeneinander abgewogen werden müssen, viel näherkommt. Hinzu kommt, dass Auswirkungen von nicht-nachhaltiger Entwicklung wie Klimawandel und Biodiversitätsverlust immer deutlichere Auswirkungen auf unser Leben haben. Deshalb und weil sich immer größere Teile der Bevölkerung wie zum Beispiel die Fridays for Future Bewegung hinter die Wissenschaft stellen, muss sich die Politik notgedrungen damit auseinander setzen was Wissenschaftler zu sagen haben. Mein Gefühl ist aber, dass das Interesse politischer Entscheidungsträger and wissenschaftlichen Erkenntnissen zunimmt. Deshalb glaube ich, dass Wissenschaft einen wichtigen Beitrag dazu liefert, die Auswirkungen von heutigen Entscheidungen in der Zukunft vorherzusagen und dass sich Politiker in Zukunft rechtfertigen werden müssen, wenn sie diese Vorhersagen nicht in Ihre politischen Entscheidungen mit einbezogen haben.

    Wir haben Sie bereits vor sechs Jahren interviewt. Damals hatten Sie bedauert, dass in Bezug auf  den Schutz der Biodiversität die zugrundeliegenden Mechanismen wie Konsum und die globalen Märkte in der politischen Debatte der Länder des globalen Nordens zu wenig Beachtung finden. Hat sich seither etwas verändert?

    Ich glaube, dass sich langsam etwas verändert. Unglücklicherweise gehen diese Prozesse sehr langsam vor sich und ich denke wir tendieren immer noch dazu vor vielen Dingen die Augen zu verschließen. Ich glaube aber, wir werden eine Umkehrung von Klimawandel, Biodiversitätsverlust, Landdegradation und damit einhergehenden Katastrophen und Hunger erst dann hinbekommen, wenn wir uns eingestehen, dass wir alle etwas an unserem Verhalten und Konsum ändern müssen. Um dies zu erreichen bedarf es aber vieler grundlegender Veränderungen in der Art und Weise wie wir leben und was wir wertschätzen. Deshalb bin ich mir nicht sicher, ob wir noch rechtzeitig die Kurve bekommen.

    Was motiviert Sie morgens und wie denken Sie abends darüber nach?

    Das ist eine schwierige Frage, weil ich das natürlich nicht so systematisch mache. Ich kann aber sagen, dass mich mein Sohn motiviert. Ich würde mir wünschen, dass er und seine Kinder in Zukunft auch die Möglichkeit haben ein gutes Leben zu führen. Wenn er mich einmal fragen wird ob ich versucht habe, gegen Ungerechtigkeit in der Welt und den Generationen zu unternehmen, möchte ich guten Gewissens sagen können, dass ich sicherlich nicht perfekt bin, aber hoffentlich ein wenig zur Lösung dieser Probleme beitragen konnte. Außerdem denke ich an all die Menschen und deren Kinder, die nicht das Glück hatten in einem hoch entwickelten Land wie Deutschland geboren zu werden. Die Hauptlast unseres Konsums tragen nicht wir, sondern die Millionen von Menschen, die durch Klimawandel, Hunger und andere Katastrophen bedroht sind. Soviel zu meiner Motivation: Wenn ich dann aber in mich gehe und über mich selbst nachdenke, dann stelle ich fest, dass ich leider häufig meinen eigenen Maßstäben nicht gerecht werde.

    Welche Frage würden Sie gerne einmal beantworten, die Ihnen noch nie gestellt wurde?

    Ich finde diese Frage sehr schwer zu beantworten, weshalb ich sie gerne, mit Ihrer Erlaubnis, etwas abändern würde. Stattdessen würde ich gerne erläutern welche Frage ich selbst gerne mal an eine repräsentative Stichprobe der Weltbevölkerung stellen würde und warum. Ich würde die Menschen gerne fragen, wie Sie sich eine gerechte und nachhaltige Welt vorstellen. Wenn wir uns unser heutiges globales System anschauen ist es zutiefst ungerecht, sowohl weil einige Länder andere ausnutzen, aber auch weil heutige Generationen auf die Kosten von ihren Kindern leben. Wo und wann wir geboren werden bestimmt in einem viel stärkeren Ausmaß ob wir ein Leben in Wohlstand oder in Armut führen als andere Dinge. Wenn wir davon ausgehen, dass alle Menschen heute und in der Zukunft das gleiche Recht auf Nahrung, Sicherheit, Wasser, Bildung etc. haben sollen, dann müssen wir uns die Frage gefallen lassen, wie das System aussehen soll, das dies ermöglichen kann. Wenn wir alle Gesetze, Lebensvorstellungen und Wünsche einfach mal außen vorlassen und ganz neue Spielregeln aufstellen, wie würden diese aussehen? Welche Lebensvorstellungen würden diesen Diskurs überstehen und welche nicht? Ich bin mir sicher, dass Dinge wie der jährliche Urlaub in einem weit entfernten Land, das private Auto und ein übermäßiger Fleischkonsum ziemlich früh zu den Dingen zählen würden, die wir uns nicht mehr leisten könnten. Vielleicht ist diese Frage ja einfacher zu beantworten als jene, die sich damit auseinandersetzen das System zu reparieren. Statt ständig zu versuchen das Bild zu korrigieren indem wir hier und dort etwas ändern, sollten wir uns erst einmal fragen wie das Bild am Ende aussehen soll.

    Das Interview führte Yana Adu