Katja Bender und Stefanie Meilinger über die Bedeutung einer nachhaltigen und zuverlässigen Energieversorgung von Gesundheitseinrichtungen in Ghana

Sehr geehrte Frau Bender, sehr geehrte Frau Meilinger, gemeinsam leiten Sie das Projekt „Energy Self-sufficiency for Health Facilities in Ghana” an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg – kurz EnerSHelF. Was sind die Ziele des Projekts?

In Ghana – wie in vielen weiteren Entwicklungs- und Schwellenländern – kommt es regelmäßig zu Stromausfällen. Besonders kritisch ist dies für Gesundheitseinrichtungen, die für die Versorgung der Patientinnen und Patienten auf eine stabile Energieversorgung angewiesen sind. Ohne Strom können während der Dunkelheit keine Eingriffe durchgeführt werden, wichtige Instrumente funktionieren nicht oder die Kühlkette für lebenswichtige Vakzine wird unterbrochen.

Unser Hauptziel ist es daher, mit Hilfe unserer Partner aus Forschung und Industrie, zur Verbesserung und Verbreitung marktfähiger Solar-Energiesysteme als zuverlässige Energielieferanten für Gesundheitseinrichtungen beizutragen. Die interdisziplinäre Ausrichtung des Projekts hilft uns dabei, einen holistischen Ansatz zu verfolgen und sowohl technische als auch entwicklungsökonomische Faktoren einzubeziehen.

Auf der technischen Seite wird durch die Entwicklung neuer Algorithmen und Tools die Planung von Photovoltaik-Solarsystemen vereinfacht. Hierfür werden verschiedene Parameter einberechnet, um Lösungen zuverlässiger zu machen und lokale, kontextspezifische Faktoren in die Elektrifizierungsstrategie des Gesundheitssektors in Ghana einfließen zu lassen.

Neben den technischen Innovationen wollen wir mögliche Optionen zur Stärkung der institutionellen Strukturen im ghanaischen Energie- und Gesundheitssektor aufzeigen, die für eine breitere Adoption von Photovoltaik-Lösungen nötig sind. Dafür werden durch ökonometrische und qualitative empirische Analysen mögliche Barrieren und Treiber für eine nachhaltige Gestaltung des Energiesektors untersucht. Die Analysen beruhen auf umfangreichen Primärdatenerhebungen. Dazu führen wir Interviews mit ca. 200 Leitungen von Gesundheitseinrichtungen. Hinzu kommen Interviews mit Entscheidungsträger:innen aus Politik und Verwaltung in Ghana aus dem Gesundheits- und Energiesektor sowie ghanaischen und deutschen Unternehmensvertreter:innen.

Zusammengefasst soll das Zusammenspiel und Verständnis dieser Faktoren zu einer Verbesserung des Zugangs zu Gesundheitsversorgung in Ghana beitragen und deren Energieversorgung nachhaltiger und zuverlässiger gestalten.

Mit welchen Partnern arbeiten Sie im Rahmen von EnerSHelF zusammen?

Im EnerSHelF Projekt arbeiten wir eng mit einer Reihe von Partnern in Ghana und Deutschland zusammen und bündeln die Arbeit von Wissenschaftler:innen sowie unserem Industriepartner WestfalenWIND. Neben der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg als Koordinatorin sind die Technische Hochschule Köln, die Universität Augsburg und das Reiner Lemoine Institut aus Deutschland, sowie die University of Development Studies, die Kwame Nkrumah University of Science and Technology und das West African Science Service Center on Climate Change and Adapted Land Use aus Ghana involviert. Die European Association of Development Research and Training Institutes übernimmt für uns die Rolle als Wissens- und Netzwerkpartnerin. Gefördert werden wir durch die Client II Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

EnerSHelF wurde im Juni 2019 ins Leben gerufen. Wie hat sich das Projekt seitdem entwickelt?

Wie für viele andere Projekte ist der Einfluss der Covid-19 Pandemie auch für EnerSHelF spürbar. Nichtdestotrotz sind wir mit der Entwicklung zufrieden. Für die Erhebung der technischen Daten mussten eine Reihe von Messinstrumenten und ein Solarcontainer an den Studienorten installiert werden. Teilweise konnten die Geräte noch vor Eintreten der Reisebeschränkungen aufgebaut werden. Dank unserer Partner in Ghana war es uns möglich, auch danach noch weitere Arbeiten an den drei Pilotstätten vorzunehmen. Auch wenn es immer wieder zu einzelnen Ausfällen kommt, liefern die Instrumente doch ausreichend Daten, um damit arbeiten zu können.

Die entwicklungsökonomischen Datenerhebungen konnten zumindest teilweise online durchgeführt werden. Verzögerungen konnten jedoch pandemiebedingt selbstverständlich nicht vermieden werden. Die Befragungen an Gesundheitseinrichtungen wurden aber mittlerweile mit Hilfe von lokalen Interviewer:innen erfolgreich durchgeführt. Das vorhergegangene Training konnte online durchgeführt werden. Auch die Interviews mit Entscheidungsträger:innen in Verwaltung und Politik sowie anderen Stakeholder:innen in der Solar- und Energiebranche in Ghana sind mittlerweile weitgehend abgeschlossen.  Wir freuen uns jetzt sehr auf die spannende Phase der Datenauswertung.

Leider konnten wir uns seit dem ersten Treffen mit allen Projektpartnern 2019 in Ghana nicht mehr physisch treffen. Durch monatliche Seminare mit allen Arbeitspaketen sehen wir uns jedoch regelmäßig als Team. Wir hoffen, dass vor Ende des Projekts ein gemeinsames Treffen mit allen Beteiligten wieder möglich ist. Glücklicherweise wurde unser Antrag auf Verlängerung genehmigt und das Projekt findet nicht wie geplant im Mai sondern Dezember 2022 seinen Abschluss. Ein bisschen Zeit bleibt uns also noch und wir sind zuversichtlich, dass wir unsere Projektziele erreichen.

Inwieweit beeinflusst der Zugang zu Energie und Gesundheitsdiensten die Entwicklung eines Landes wie Ghana?

Eine stabile Energieversorgung ist ein zentraler Baustein für wirtschaftliches und gesellschaftliches Wachstum. Nahezu alle Wirtschaftsbereiche – von der verarbeitenden Industrie bis zum Dienstleistungssektor – benötigen Elektrizität für ihre Arbeit. Der Gesundheitssektor bildet keine Ausnahme. Hier ist ein zuverlässiger Zugang zu Energie unumgänglich, um die Gesundheitsversorgung der Menschen in Ghana sicherzustellen. Nicht umsonst wurde in die Ziele für Nachhaltige Entwicklung „nachhaltige und moderne Energie für alle“ als Ziel aufgenommen. Eine verlässliche, stabile und nachhaltige Energieversorgung ist auch für Ghana und seine Entwicklung von zentraler Bedeutung.

Welche Vorteile bietet die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Ingenieurs-, Natur- und Gesellschaftswissenschaften für EnerSHelF? Welche Learnings lassen sich für andere Projekte ableiten?

Unser ganzheitlicher Forschungsansatz ist geprägt durch einen konstanten Austausch zwischen den Disziplinen. Das ermöglicht uns, Synergien zu erkennen und in die Lösungswege einfließen zu lassen. Gleichzeitig helfen die verschiedenen Perspektiven, eine kontextspezifische Lösung zu erarbeiten. Neben der interdisziplinären Zusammenarbeit ist uns besonders wichtig, dass wir die lokalen Gemeinden in der unmittelbaren Umgebung der Gesundheitseinrichtung in das Projekt einbinden. So lassen sich Hürden, die als Außenstehender zu Beginn nicht erkennbar sind, umgehen und an einer nachhaltigen Lösung arbeiten.

Zusätzlich ermöglicht unsere Arbeitsweise unseren Projektmitarbeitenden verschiedene Forschungsansätze und Methoden kennenzulernen, die auch für zukünftige Projekte von Bedeutung sein können. Mit dieser Arbeitsweise ist zwar im Vergleich zu „weniger“ inter- bzw. transdisziplinären Ansätzen ein hoher Zeitaufwand verbunden, wir sind aber überzeugt, dass erst durch diese holistische Herangehensweise ein nachhaltiges Projektergebnis erzielt werden kann.

Welchen Beitrag leistet das Vorhaben zur nachhaltigen Entwicklung?

Das EnerSHelF Projekt leistet zwei wesentliche Dinge: Einen Beitrag zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung in Ghana sowie einen verbesserten Zugang zu nachhaltiger Energieversorgung. Wir arbeiten somit direkt an der Umsetzung von SDG3 und SDG7 der Ziele für Nachhaltige Entwicklung.

Natürlich haben wir mit einem Forschungsprojekt keinen direkten flächendeckenden Einfluss. Unsere Ergebnisse werden jedoch frei zugänglich gemacht und können dabei helfen, zukünftige Photovoltaik-Anlagen im Gesundheitssektor und darüber hinaus zuverlässig zu planen und umzusetzen. Und das nicht nur in Ghana.

Weitere Informationen zu EnerSHelF

Das Interview führten Jonas Bauhof und Verena Hammes