© Reinhild Benning | Referentin für Landwirtschaft und Tierhaltung – Germanwatch e.V.

Sehr geehrte Frau Benning, Sie arbeiten als Referentin für Landwirtschaft und Tierhaltung bei Germanwatch. Können Sie uns den Kern Ihrer Tätigkeit erklären?

Reinhild Benning: Mein Ziel ist die Transformation der Landwirtschaft und unserer Ernährung hin zu enkeltauglichen vielfältigen, tier- und umweltgerechten Wirtschafts- und Konsumformen. Als ausgebildete Landwirtin mit langjähriger Erfahrung auch im Ökolandbau habe ich in der Praxis Landwirtschaftsbetriebe bei dieser Transformation begleitet. Um den Prozess gesamtgesellschaftlich voran zu bringen, schreibe ich Recherchen, mache Öffentlichkeitsarbeit und führe Gespräche mit politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträger*innen. Es geht darum, Widersprüche der industriellen Landwirtschaft sichtbar zu machen, z.B. Antibiotikamissbrauch in Tierfabriken. Mit den Ergebnissen der Recherchen versuche ich dann, Politiker*innen zu besseren Regeln zu bewegen. Wenn das nicht klappt, dann wende ich mich an Medien und erläutere die Gesundheitsrisiken, die aus industriellen Tierhaltungen resultieren können, z.B. antibiotikaresistente Erreger auf Hühnerfleisch. Oft dauert es Jahre bis eine große Koalition sich ernsthaft auf Gespräche einlässt. Daher hat sich Germanwatch auch der Kampagne Meine Landwirtschaft angeschlossen, die seit 2011 mit Großdemonstrationen den Protest von Bauern und Verbraucherinnen gegen die Industrialisierung der Landwirtschaft gemeinsam auf die Straße des Regierungsviertels in Berlin trägt.

Können Sie uns kurz erläutern, was Sie unter nachhaltiger Landwirtschaft verstehen?

Reinhild Benning: Bäuerlich-ökologische Landwirtschaft erzeugt gesunde Lebensmittel, sorgt für sauberes Wasser, stabile Ökosysteme mit fruchtbaren, klimaresilienten Böden, vielfältige Naturlebensräumen, für eine breite Sorten- und Rassenvielfalt sowie Einkommen in lebendigen ländlichen Regionen. Dabei werden die Menschenrechte und insbesondere die Rechte der Kleinbauern- und bäuerinnen und Beschäftigten in der Landwirtschaft weltweit respektiert. Die Tiere in der Landwirtschaft werden nicht mit Schnabel- und Ringelschwanzamputation den engen Ställen angepasst, sondern die Ställe den Bedürfnissen der Tiere. Das Futter stammt weitestgehend von hofeigenen Flächen und aus der Region statt z.B. aus Regenwaldregionen der Länder des globalen Südens. Futteranbau erfolgt nicht in Konkurrenz zum Lebensmittelanbau, sondern ist ressourcenschonend in die bäuerliche Praxis eingegliedert als Gras- und Resteverwertung.

Sehen Sie einen Widerspruch zwischen einer nachhaltig geprägten Landwirtschaft und einem hohen Bedarf an landwirtschaftlichen Produkten?

Reinhild Benning: Nein. Eine nachhaltige Landwirtschaft ist die beste Versicherung für die wachsende Weltbevölkerung, weil sie Böden fruchtbar erhält, die Artenvielfalt sichert und langfristig stabile Erträge erzielt. Auf der Nachfrageseite ist es allerdings derzeit noch so, dass wir in Industrieländern und reichen Schichten der Schwellenländer z.B. zu viel Fleisch und Agrosprit und damit auch zu viel wertvolle Flächen für Futteranbau und Palmölplantagen beanspruchen. Diese Flächen stehen für Grundnahrungsmittel der Menschen vor Ort nicht mehr zur Verfügung.

Unser Ideal ist die Ernährungssouveränität, bei der die Bevölkerung einer Region gemäß ihrer natürlichen und kulturellen Bedingungen über die landwirtschaftliche Bewirtschaftung der Erdoberfläche entscheidet und die Erträge gerecht verteilt. International kämpft die Kleinbauernbewegung La Via Campesina für die Ernährungssourveränität. Wir stellen uns damit gemeinsam Industrieinteressen entgegen, die billige Agrarrohstoffe auf dem Weltmarkt kauft, um sie z.B. als Backwaren, Fleisch- und Milchprodukte, recyclebare Tragetaschen oder auch Agrarsprit für Autos an zahlungskräftige Bevölkerungsschichten wieder zu verkaufen. Wir hingegen sagen: Der Nahrungsmittelbedarf der Weltbevölkerung hat immer Priorität. Auch wenn Autofahrende und fleischgewohnte Konsumenten mehr Geld bieten als die Hungernden.

Welche Maßnahmen müssen Ihrer Meinung nach in der landwirtschaftlichen Tierhaltung zur Sicherung einer nachhaltigen Zukunft für Menschen, Tiere und die Umwelt getätigt werden?

Reinhild Benning: Zum einen müssen wir den Tierschutz im Stall deutlich anheben mit 40-100 % mehr Platz je Tier im Stall und Weidegang oder Auslauf. Mit weniger Tieren je Fläche würden auch die Überschüsse abgebaut werden. Die Fleischindustrie in Deutschland produziert in industriellen Stallanlagen derzeit 20 % mehr Fleisch als die Bevölkerung nachfragt. EU-weit erzeugen Molkereikonzerne doppelt so viel Milchpulver wie benötigt wird. Wir meinen, es sollten deutlich weniger Tiere und diese endlich tierfreundlicher gehalten und mit heimischen Futtermitteln ohne Gentechnik ernährt werden.

Zum zweiten gilt es eine verpflichtende Haltungskennzeichnung auf Fleisch und Milch nach dem Vorbild der Eierkennzeichnung einzuführen. Nur so können Verbraucherinnen und Verbraucher Produkte aus Massentierhaltung meiden. Schon heute meiden die Menschen Käfigeier, so dass deren Marktanteil mit 1 Prozent bedeutungslos geworden ist.

Zum Dritten müssen die Agrarsubventionen aus Brüssel zielgerichtet für die Transformation der Landwirtschaft und Tierhaltung umverteilt werden.

Welchen Tipp würden Sie Menschen geben, die nach einem bewussten und nachhaltigen Leben streben?

Reinhild Benning: Weniger Fleisch und wenn dann aus besonders artgerechter Haltung (bio oder Neuland). Mit mehr Ökolebensmitteln zur Pestizidreduktion und zum Artenschutz beitragen. Derzeit sind Lebensmittel aus Ökolandbau, direkt vom Erzeugerbetrieb – wie z.B. bei der solidarischen Landwirtschaft – und aus Fair Trade-Handel wichtige Erkennungsmerkmale für Nachhaltigkeit. In vielen Städten gründen sich aktuell Ernährungsräte, die eine Brücke zwischen Bauernhöfen und Verbraucher*innen bilden und den politischen Rahmen für regionale Lebensmittelversorgung verbessern wollen. Wegen des großen Einflusses von Seiten der globalen Wirtschaftsakteure und speziell der Chemieindustrie in Deutschland ist es zugleich wichtig, politisch zu bleiben. Das heißt offline wie online die Agrarwende zu unterstützen z.B. bei der Großdemo „wir haben es satt!“ am 19. Januar 2019 in Berlin. All das schmeckt und macht großen Spaß.

Was motiviert Sie morgens und wie denken Sie abends darüber nach?

Reinhild Benning: Mich motiviert, dass meine Arbeit Sinn macht. Unsere Böden und Wälder klimaverträglich zu bewirtschaften und die Artenvielfalt zu schützen heißt unsere Lebensgrundlagen zu verteidigen. Faire Bedingungen für den Zugang zu Lebensmitteln, Land und Wasser in Nord und Süd zu schaffen ist das Gebot der Stunde, wenn wir voran kommen wollen mit der Agenda 2030 zur Beendigung von Hunger und Armut.

Bei dieser Transformation sind die Landwirte und Lanwirtinnen unsere besten Partner. Sie sind mehrheitlich in der Lage, früher oder später nachhaltige Methoden zu nutzen. Wenn aber erst noch größere Teile der Tierhaltung unter die Kontrolle von Industriellen gerät wie z.B. Herrn Straathof (über 1 Millionen Schweine, bekannt für Fälle von rechtswidrigem Ferkeltotschlag) oder Ackerland noch stärker Spielball internationaler Investoren wird, dann ist es zu spät für eine Umkehr zu nachhaltiger Landwirtschaft. Germanwatch schaut der deutschen und europäischen Ernährungsindustrie und Agrarpolitik auf die Finger, welche Auswirkungen ihr Handeln auf die Umwelt, auf die Entwicklung in Ländern des Südens und auf die bäuerliche Landwirtschaft hat. Deshalb bin ich hier einfach richtig.

Gegen die Hartleibigkeit der Agrarindustrie haben wir gemeinsam mit anderen NGOs z.B. den Tierschutz, das Baugesetzbuch und die Verteilung der Subventionen verbessert. Zudem gibt es seit 2014 eine Antibiotikadatenbank, die dazu beigetragen hat, den Antibiotikaverbrauch in Tierhaltungen zu halbieren.

Das Interview führte Jordan Devenish