Bonner Umwelt Zeitung: Starkregen braucht Auen

Heftige Regenfälle, ausufernde Bäche und voll gelaufene Keller – die Bilder der Frühsommerunwetter am Mehlemer und Godesberger Bach haben viele Bonner noch in lebhafter Erinnerung. Studien des Potsdam Institut für Klimafolgenforschung im Auftrag des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft belegen, dass solche Szenarien bis zum Ende unseres Jahrhunderts in deutlich verkürzten Wiederkehrperioden erwartbar sind und die Schadenskosten um ein Vielfaches ansteigen werden.

Hochwasser ist für die Anwohner von Flüssen in der Regel ein mit Sorge erwartetes turnusmäßig auftretendes Ereignis. Es entsteht, wenn bei bestimmten Wetterlagen heftiger und lang anhaltender Regen vom Boden nicht mehr aufgenommen werden kann und/oder Schmelzprozesse die puffernde Wirkung des Schnees aushebeln. Abhängig von topographischen Gegebenheiten wie Geländehöhe und Neigung, aber auch Böden und Flächenversiegelung fließt dann das Niederschlagswasser mit mehr oder weniger großer Dynamik in die Bäche und Flüsse der Umgebung ab und erhöht deren Pegel. In den letzten Jahrzehnten häufen sich die sogenannten Jahrhunderthochwasser, die die Betten selbst großer Flüsse wie Rhein und Elbe nicht mehr fassen können. Klimaforscher führen dies auf veränderte Niederschlagsmengen in direkter Folge der parallel zu verzeichnenden Erderwärmung zurück.

Treibhausgase und Klima

Unser Klima ist ein komplexes System und umfaßt die Gesamtheit der meteorologischen Vorgänge gemittelt über einen mehrere Jahrzehnte umfassenden Zeitraum. Klimamodelle simulieren die komplizierten Prozesse per Computer und stehen dabei vor der Herausforderung, einerseits die Messwerte der Vergangenheit korrekt nachzubilden und gleichzeitig Veränderungen für die Zukunft einigermaßen sicher vorherzusagen. Tragfähige Trendaussagen zu Klimafolgen wie z. B. zu Hochwassersituationen werden daher in der Regel mit einer Vielzahl unterschiedlicher Klimamodelle durchgespielt. Ohne aufwändige Rechnersimulationen sprechen aber auch einige rein physikalische Überlegungen dafür, dass die durch Treibhausgasemissionen verursachte Erderwärmung in einigen Gebieten der Erde zu vermehrter Trockenheit und Dürre, in anderen dagegen zu häu­figeren extremen Niederschlägen führen wird.

Höhere Temperaturen bewirken global eine stärkere Verdunstung, die der Erdatmosphäre mehr Wasserdampf zuführt. Da gleichzeitig die wärmere Luft pro Grad Celsius 7 % mehr Feuchtigkeit speichern kann, ändert sich die Niederschlagshäufigkeit im wärmeren Klima erst einmal nur wenig. Stehen jedoch die meteorologischen Verhältnisse sprichwörtlich „auf Sturm“, hält die Atmosphäre für dieses Ereignis mehr Wasserdampf parat und es kommt zu vergleichsweise stärkeren Regenfällen. Dabei stammen hohe Niederschlagsmengen bei uns in Mit­teleuropa selten aus der Region, sondern werden zu 90 % aus nordatlantischen Tiefdruckgebieten oder über die verschiedenen Mittelmeertiefs zu uns heran transportiert.

Schäden richtig schätzen

Für Flussanrainer, Kommunen, aber auch Versicherungsunternehmen ist es essentiell, die Hochwassergefahren unter veränderten Klimabedingungen richtig einzuschätzen, Schadensverläufe zu kalkulieren und natürlich auch Vorsorgemaßnahmen zu treffen. In 2011 wurde vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft mit wesentlicher Unterstützung des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung ein Gutachten für die fünf größten Flußeinzugsgebiete Rhein, Donau, Elbe, Weser, Ems vorgelegt, das die Entwicklung bis zum Ende des Jahrhun­derts beleuchtet. In einem vierstufigen Modell hatte man die globalen Klimamodelle des Weltklimarates mit regionalen Vorhersagemodellen verknüpft, die so gewonnen Daten schließlich mit vorhandenen Niederschlagsabflussmodellen und im letzten Schritt mit Risikoschadenmodellen der Versicherer gekoppelt. Ergebnis bereits in 2011 war: extreme Hochwasserereignisse werden häufiger und das langjährige mittlere Schadensniveau von 500 Mio EURO pro Jahr wird sich in den kommenden Jahrzehnten eher verdoppeln. Im Detail zeigten sich jedoch auch regionale Unterschiede; so sind Westen und Süden stärker betroffen, und hier insbesondere die Westseiten der Mittelgebirge wie Eifel, Hunsrück und der Bayerische Wald. Generell muss jedoch flächendeckend mit einer Verkürzung der Wiederkehrperioden für Extremereignisse gerechnet werden. Eine in diesem Jahr vorgestellte Verfeinerung der Studie auf der Basis wesentlich breiter angelegter Kombinationen von globalen und regionalen Klimamodellen bestätigt den Trend und beziffert die Schadenskosten sogar noch deutlich höher als in der Ursprungsstudie.

Gegensteuern erforderlich

Seit 1990 bieten die Versicherungsunternehmen auch Deckungen für sogenannte Elementarschäden an. Würden sich die Prognosen weiter erhärten, hätte dies sicher auch unangenehme Konsequenzen für die Versicherungs­beiträge. Ein Grund mehr, auf allen Ebenen gegenzusteuern. So gilt es einerseits zu vermeiden, dass für gefährdete Gebiete im Flächennutzungsplan weiteres Bauland ausgewiesen wird. Darüber hinaus gewährt der ökologische Hochwasserschutz dem Hochwasser möglichst den Raum, den es braucht, z. B. durch die Un­terlassung von Flussbegradigungen, durch die Rückverlegung von Deichen, die Renaturierung der so gewonnenen Auenlandschaften und durch den Ausgleich bereits bebauter Auen durch zusätzliche Rückhalteflächen an anderen, die Flut mindernden, Stellen. Und: ein nachhal­tiges Hochwasserkonzept braucht den unversiegelten Boden.

Trotz aller Prävention bleibt immer ein Restrisiko. Weiß man um die Gefahr, kann man persönlich vorbeugen. Wir haben zum Beispiel unseren Keller entrümpelt, die elektrischen Geräte herausgeräumt und uns eine Tauch-pumpe zugelegt. Und die hat bei den starken Regenfällen im Juni diesen Jahres schon gute Dienste geleistet.

Autor: Susanna Allmis-Hiergeist

Quelle: Bonner Umwelt Zeitung November/Dezember 2016