Nachhaltigkeit Aktuell: Nachhaltiger Messebau

Mit ihrem Messestand wollen Firmen glänzen. Sie geben viel Geld für oft nur einen Einsatz aus. Ein Unternehmer aus Meckenheim bei Bonn zeigt, wie es mit wiederverwertbaren Materialien gut funktioniert.

Holger Schwan hat den Sprung gewagt: Seit Anfang des Jahres bietet er mit seiner Firma klimaneutrale Messestände an. Auch seine Digital-Druckerei betreibt er umweltverträglich. Zuerst hat das einiges an Investitionen und Überzeugungsarbeit gekostet; mittlerweile sind die nachhaltigen Messestände ein Alleinstellungsmerkmal der Firma und ein Verkaufsargument den Kunden gegenüber.

Denn gerade im Messebau spielen Klimaschutz und Nachhaltigkeit bisher so gut wie keine Rolle. Jede Veranstaltung hinterlässt einen riesigen Berg von Müll. Um das zu ändern, nutzt Holger Schwan mit seinen Leuten ein wiederverwertbares Stecksystem für Wände, das nur jedes Mal neu verkleidet werden muss. Auch die Böden kann er viele Male nutzen. Dass sie die eine oder andere Gebrauchsspur haben, daran müssen sich die Kunden eben gewöhnen, findet er. “Das sieht man nach einem Tag sowieso nicht mehr,” so Schwan.

Insgesamt könnten 80 bis 90 Prozent des Materials wiederverwertet werden. “Wir achten aber auch darauf, die Sachen nicht unnötig herumzufahren. Bei der CeBIT zum Beispiel waren wir dieses Jahr mit 13 Sattelschleppern vor Ort. 11 davon sind in Hannover geblieben, weil einige Wochen später die Hannover-Messe anfing”, erläutert der Unternehmer. Und die Beleuchtung wurde weitestgehend auf LED umgestellt: Die Leuchtmodule seien langlebiger, günstiger im Stromverbrauch und geben ein schöneres Licht. Wie Phönix aus der Asche können die Messestände so wieder und wieder neu erstehen.

Rechenmodell für Klimaneutralität
Seit Januar ist Holger Schwans langjähriges Bemühen um Umweltschutz zertifiziert: Die Firma natureOffice hat Schwans Unternehmen ein Jahr lang einer Prüfung unterzogen und berechnet nun für jeden seiner Aufträge die Möglichkeit zur Klimaneutralität. Bei einem Messestand kostet das etwa 100 Euro, bei einem Digital-Transparent kann es auch mal nur ein Euro sein. Der Betrag richtet sich nach Größe, Personaleinsatz und Standort des Projekts – und soll einen Ausgleich im Klimaschutz leisten.

Das Tool, in das Schwan alle Daten eingibt, wurde extra für seine Firma gemacht; er ist im Kundenstamm von natureOffice der erste, der seine Messestände klimaneutral stellt. Der Messe-Kunde zahlt den Mehrpreis und bekommt darüber ein Zertifikat, mit dem er wiederum werben kann.

Vorwurf des “Greenwashing”
natureOffice mit Sitz in der Nähe von Mainz möchte Ökonomie und Ökologie miteinander versöhnen. Dennoch sieht Holger Schwan sich gelegentlich dem Vorwurf des “Greenwashing” ausgesetzt: “Aber CO2 fällt immer an. Wir haben noch nicht so viele Elektrofahrzeuge, wir haben noch nicht die Möglichkeiten, das anders zu handhaben. Wenn ich jetzt schon mal anfange zu kompensieren und dadurch andere Projekte unterstütze, die klimafreundlich oder nachhaltig sind, dann ist das doch gut.”

Seine Firma projektxxl unterstützt Projekte in Togo, die im Portfolio von natureOffice sind. Zum Beispiel hat Holger Schwan Schafe für Familien in Togo gekauft, je Familie fünf Stück. Sie bringen Milch, Fleisch, Wolle und Dung. Ein nachhaltiger Zyklus, mit dem in den Dörfern ein besseres Leben möglich wird. Außerdem werden dort mehr als 20.000 Hektar Wald wieder aufgeforstet. Das dämmt die Erosion in diesem Bereich ein, verbessert das Mikroklima und schafft Schutz für Tiere.

Kunden zögern zunächst
Klares Ziel ist, dass der CO2-Fußabdruck der Firma immer kleiner wird. Für den Bereich Digitaldruck ist projektxxl schon länger mit natureOffice verbandelt: Nach einjähriger Prüfung des Unternehmens gab es 2010 das erste Zertifikat, sehr zur Freude von Geschäftsführer Holger Schwan: “Da haben wir gedacht: Super, das wird für uns ein Marketing-Tool, das wird ganz toll – aber die Kunden waren zu der Zeit noch gar nicht bereit für so was.” Erst anderthalb Jahre später gab es mehr Zuspruch für die Möglichkeit, gedruckte Plakate, Transparente und Aufkleber gegen einen kleinen Aufpreis klimaneutral zu stellen. Mittlerweile sei die Idee so populär, dass es kaum noch einen Digital- oder Großformat-Drucker gebe, der die Klimazertifikate nicht anbiete, so Schwan.

Mit seinem Engagement und seinen Ideen tritt der Unternehmer nun als Botschafter für die Industrie- und Handelskammer Bonn / Rhein-Sieg auf. Die hat zu Beginn des Jahres ein Kompetenzzentrum für “Corporate Social Responsibility”, kurz CSR, ins Leben gerufen. Eins von fünf solcher Zentren in Nordrhein-Westfalen. Kleine und mittelständische Unternehmen bekommen dort Tipps dazu, wie sie mit einem Plus an ökologischer und sozialer Verantwortung nicht nur für die Allgemeinheit Nutzen stiften, sondern auch für sich selbst: Sie können Geld sparen, neue Kunden und bessere Mitarbeiter gewinnen. Bei Vorträgen und gemeinsamen Unternehmer-Frühstücken teilt Schwan sein Know-How und seine Erfahrungen. Dass andere dadurch einen unternehmerischen Vorteil haben, fürchtet er nicht: “Wenn’s gut ist, soll man es doch kopieren.”

Kompetenzzentrum der IHK
“Der Bereich Umwelt und Ressourcen spielt bei der CSR vor allem in der Industrie eine große Rolle”, betont Michael Pieck von der IHK Bonn / Rhein-Sieg. “Je mehr Unternehmen sich klar machen, dass sie damit nicht nur Aufwand betreiben, sondern auch Gewinn erzielen, desto besser ist das für unsere Umwelt und für’s Klima.” Da die großen Unternehmen sich schon lange mit diesen Themen beschäftigen, will die IHK mit dem Projekt nun die kleinen und mittelständischen Firmen erreichen. Für viele Geschäftsführer sei das aber noch ein Buch mit sieben Siegeln, so Pieck weiter. Man müsse sie erst einmal für CSR interessieren und deutlich machen, wie wichtig es ist, diese Aspekte in die Unternehmensstrategie aufzunehmen. Ein Aufwand, der sich lohnt. Immerhin sind allein in der Region Bonn / Rhein-Sieg rund 55.000 Unternehmen ansässig, für die die IHK zuständig ist.

Wissenschaftliche Begleitung
Messbar soll der Erfolg des Projekts nach drei Jahren werden. Wirtschaftswissenschaftler der Hochschule Bonn / Rhein-Sieg begleiten das CSR-Kompetenzzentrum in diesem Zeitraum. Sie werten Fragebögen aus und besuchen die Unternehmen. Die IHK ist, was den Nutzen betrifft, optimistisch: “Gerade für kleine Unternehmen kann es sich lohnen, durch starkes Engagement im CSR-Bereich Nischen zu besetzen. Mit den richtigen Zertifikaten bekommen sie unter Umständen einen Kundenstamm, der auch bereit ist, für ein Produkt mehr Geld zu bezahlen”, so Michael Pieck.

Quelle: Nachhaltigkeit Aktuell Bundesregierung, 07.07.2016