FriEnt: Religiöse Akteure im Friedensprozess – Einflussreich, aber nicht immer friedensfördernd

Vor einem Jahr einigten sich die Konfliktparteien Malis auf einen Friedensvertrag, der die Waffenruhe stabilisieren sowie zum Aufbau inklusiver demokratischer Strukturen und mehr Autonomie für den Norden führen sollte. Bereits bei der Unterzeichnung war absehbar, dass die Umsetzung des Abkommens einen langen Atem brauchen würde. Am 7. Juni lud FriEnt Organisationen mit aktueller Projekterfahrung zu einem Erfahrungsaustausch über die Rolle religiöser Akteure in dem bislang ernüchternden Prozess ein.

Als wesentliche Rahmenbedingung für den weiteren Verlauf der Friedensbemühungen wurde zuerst die aktuelle Sicherheitslage skizziert. In den vergangenen Wochen hat sich in verschiedenen Landesteilen die Zahl terroristischer Anschläge drastisch erhöht. Sprengstoffanschläge, Raketenangriffe und gezielte Attentate auf UN-Blauhelme torpedieren die Umsetzung des Friedensprozesses und das westliche Engagement. Hauptquelle dieser Attentate sind nach sicherheitspolitischen Analysen Gruppierungen mit einem gemischten Hintergrund aus terroristischen und islamistischen Kontexten sowie der organisierten Kriminalität. Sicherheitspolitische Experten gehen davon aus, dass diese Konstellation als Risiko- und Störfaktor weiterhin bestehen bleibt, da die Bekämpfung von organisierter Kriminalität und terroristischen Gruppierungen mit Ausnahme der französischen Mission Barkhane nicht zum Mandat der internationalen Militärmissionen gehört.

Im weiteren Gespräch konzentrierten sich die Teilnehmenden auf die Rolle religiöser Akteure in Mali und diskutierten die Frage, welchen Einfluss sie auf das Gelingen oder Scheitern des Friedensprozesses nehmen können. Auf Grundlage anthropologischer Studien verwies eine Teilnehmerin auf den engen Bezug, der in Mali schon immer zwischen Politik und religiösen Institutionen besteht. In einem Land, dessen Bevölkerung zu 90 Prozent muslimisch ist, tragen viele Politiker mehrere Hüte, sind gleichzeitig Funktionsträger in religiösen wie in politischen Institutionen.

Sorge bereitet die Beobachtung einer religiösen Radikalisierung, die Gewaltbereitbereitschaft fördert und Anteil an den aktuellen Sicherheitsproblemen hat. In der Bevölkerung genießen viele religiöse Akteure wie beispielsweise der Hohe Islamische Rate (Haut Conseil Islamique du Mali, HCIM) großes Ansehen. Sie leisten wichtige Beiträge zur gesundheitlichen und sozialen Versorgung und genießen zunehmendes Vertrauen der Bevölkerung. Diesen Einfluss setzten Vertreter des HCIM auf politischer Ebene jedoch mit äußerst kritischen gesamtgesellschaftlichen Wirkungen in erster Linie zur Sicherung eigener Partikularinteressen in internen Machtkämpfen ein.

Die Gesprächsrunde war sich einig, dass das Verhalten der religiösen Organisationen und Autoritäten wesentlichen Einfluss auf den weiteren Verlauf des Friedensprozesses nehmen wird. Doch welche Konsequenz ist daraus zu ziehen? Können wir die Kooperation mit diesen religiösen Gruppen wagen? Verstehen wir ihr gesellschaftspolitisches Interesse und ihre internen Rivalitäten gut genug, um ihre Rolle im Friedensprozess richtig zu erfassen? Die Antwort darauf blieb umstritten und wird FriEnt auch im weiteren Länderprozess zu Mali begleiten. Dazu könnte jedoch ein Perspektivwechsel sinnvoll sein, der sich mehr auf die Rolle und Potenziale zivilgesellschaftlicher Organisationen konzentriert. Religiöse Autoritäten und Institutionen, die sich für die Umsetzung des Friedensvertrages engagieren, haben meist enge Verbindungen zu oder sind Mitglied von Nichtregierungsorganisationen und rücken dabei automatisch ins Blickfeld, müssen aber nicht als eigenständiger Akteur adressiert werden.

Quelle: Newsletter FriEnt, 30.06.2016