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Worum geht es beim internationalen Jahr für Bodenschutz?

Das internationale Jahr des Bodens soll auf diese wertvolle Ressource und unseren allzu sorglosen Umgang damit aufmerksam machen. Über 90% unserer Nahrungsmittel können ohne fruchtbaren Boden nicht produziert werden! Gemüse, Obst, Kräuter und Pflanzen, aus denen wir Genussmittel wie Kaffee, Tee oder Tabak gewinnen, gedeihen auf Boden. Soja- oder Maispflanzen dienen der Fleischindustrie als Futtermittel. Und Holz für Möbel, Spielzeug, zum Heizen oder Grillen muss auch irgendwo wachsen. Wer führt sich schon täglich vor Augen, dass fruchtbarer Boden die eigentliche Grundlage unseres Lebens ist?! Und genau wegen dieser Gedankenlosigkeit gehen wir auch nicht besonders schonend mit dem Boden um: nicht nachhaltige Anbaumethoden produzieren zwar billige Nahrungsmittel – aber sie zerstören auch die Böden. Überall in der Welt nimmt die Bodenfruchtbarkeit rasant ab, und viele Bauern spüren das in ihrer täglichen Arbeit. Besonders in den armen Ländern dieser Welt, die zusätzlich besonders vom Klimawandel betroffen sind und sich teuren technischen Ausgleich (z.B. Kunstdünger) nicht leisten können. Aber auch in Deutschland ist Bodendegradation schon zum Problem geworden, man denke nur an die „Sandstürme“ in Mecklenburg-Vorpommern.

Was ist die Aufgabe der GIZ dabei?

Im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) arbeitet die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) schon viele Jahrzehnte für den Bodenschutz. Wir unterstützen arme Länder z.B. in der Sahel-Zone dabei, ihre Landwirtschafts- und Raumplanungspolitik nachhaltig und bodenschonend zu gestalten, und wir arbeiten mit Bauern direkt zusammen, um ihre Erträge langfristig zu sichern und bodenschonend zu erhöhen. Dieses Jahr richten wir uns ausnahmsweise jedoch auch an die deutsche Öffentlichkeit: mit der Kampagne „Boden. Grund zum Leben.“ wollen wir den Menschen in Deutschland zeigen, wie wichtig Boden für uns alle ist. Wir haben inzwischen ein breites Partner-Netzwerk für die Kampagne gewonnen: Gemeinsam mit Vereinen, Forschungsinstituten und gemeinnützigen Organisationen, die sich für den Boden einsetzen, wollen wir die Menschen erreichen. Boden braucht unsere Sorgsamkeit genauso wie Klima, Wasser oder Biodiversität – das ist unsere Botschaft.

Bitte erklären Sie zu Beginn die Funktionen und die Vorteile des Bodens. Weshalb sind Böden so wichtig für eine intakte Umwelt?

Zunächst mal: Auf Stein oder Sand wächst nichts – Pflanzen brauchen Boden, um zu gedeihen. Ohne Boden also weder Nahrungsmittel oder Holz, noch Lebensraum für Tiere, die ja ebenfalls direkt von Pflanzen abhängen. Zudem steckt er selbst voller Leben: ein Teelöffel Boden kann beispielsweise bis zu 1 Mio. Bakterien, 120.000 Pilze und 25.000 Algen enthalten – alle mikroskopisch klein. Sie tragen sie zu einem gesunden, produktiven Ökosystem bei und ermöglichen erst die weiteren Funktionen des Bodens. Boden filtert nicht nur Wasser und ermöglicht dessen Versickerung, sondern speichert es auch bis zu einer vielfachen Menge seines eigenen Gewichts. Die Risiken von Überflutungen oder Austrocknung werden durch seine Aufnahmefähigkeit somit verringert. Auch für das Klima ist Boden sehr wichtig: Heute speichern Böden mit mehr als 3.000 Milliarden Tonnen – nach den Ozeanen – global die größte Menge an Kohlenstoff. Sie binden etwa das Zehnfache der Kohlenstoffmenge von Wäldern und das Fünffache im Vergleich zur Atmosphäre. Intakte Böden speichern mehr Kohlenstoff als degradierte – bodenschonende Nutzung trägt somit unmittelbar zur Abmilderung des Klimawandels bei. Ohne gesunden Boden sähen wir richtig alt aus!

Wie kann man den Boden vor Erosion schützen?

Erosion ist zunächst mal ein natürlicher Prozess – die Abtragung der Bodenoberfläche durch Einflüsse wie Wind, Wasser oder Eis. Problematisch ist eine übermäßige Erosion durch den Einfluss des Menschen: Aufgrund von Bodenverdichtung, Überweidung oder durch die Entfernung der natürlichen Vegetation sind die Böden Regenfällen, Starkwetterereignissen wie Stürmen oder Überschwemmungen schutzlos ausgeliefert. Die fruchtbaren oberen Bodenschichten werden so um einiges schneller abgetragen und der Boden verliert seinen landwirtschaftlichen Nutzen. Den Boden vor Erosion schützen heißt im Umkehrschluss, ihn schonend zu nutzen: z.B. ohne schwere Maschinen, mit ausgewogener Nährstoffzufuhr, stetiger Bepflanzung und auch Ruhephasen. Man kann den Boden damit darin unterstützen, sich selbst zu regenerieren.

Inwiefern trägt der Klimawandel zum Bodenverlust bei?

Die Auswirkungen des Klimawandels – wie z.B. längere und stärkere Hitze- oder Dürreperioden, Stürme oder Überschwemmungen – sind eine zusätzliche Belastung für den Boden. Es ist ein bisschen wie beim menschlichen Körper: Ein gesundes Bodenökosystem kann mit vielen klimatischen Ereignissen fertig werden, sich selbst regenerieren. Degradierte Böden jedoch sind anfälliger für diese Außeneinflüsse, sodass der Klimawandel ihre Degradation noch verstärkt. Wenn zum Beispiel Böden durch schwere Landmaschinen verdichtet werden, nimmt ihre Fähigkeit, Wasser versickern zu lassen oder zu speichern, logischerweise ab. Und wenn Regenwasser nicht versickert, läuft es an der Oberfläche ab und trägt Boden mit sich. Der verbleibende Boden trocknet schnell aus – v.a. bei Hitze –, sodass er dann wieder leicht vom Wind abgetragen werden kann. Die Spirale „nach unten“ nimmt ihren Lauf.

Gibt es ein Bodenschutz-Nachhaltigkeits-Projekt, das Ihnen besonders am Herzen liegt?

Ich könnte ein paar Projektbeispiele in Entwicklungsländern nennen, wo Bodenschutz und nachhaltige Entwicklung toll zusammenwirken – nachhaltige Holzenergie in Madagaskar, Wiederherstellung der Bodenfruchtbarkeit und natürlichen Wasserversorgung in Äthiopien oder Niger… Aber was mir im Moment ganz akut am Herzen liegt, das ist unser Engagement in Deutschland. Denn eins ist klar: wir alle, so weit weg die armen Länder der Welt scheinen, können etwas dafür tun, die Böden in Deutschland und überall zu erhalten – und dabei auch den Menschen in armen Ländern zu helfen. Wir in Deutschland und Europa verbrauchen nämlich Boden, der sich in anderen Ländern befindet: das Rind auf meinem Grill wurde mit Sojabohnen aus Brasilien gemästet, das Palmöl im Schokoaufstrich wurde in Indonesien gewonnen und der Kakao dazu in Ghana angebaut. Der Boden, der für diese Produkte genutzt wurde, konnte also nicht der Ernährung der Menschen vor Ort dienen. Vielleicht wurden sogar Menschen von ihrem Land vertrieben, damit Exportkonzerne fruchtbares Land nutzen können – so lange und intensiv, bis der Boden nichts mehr hergibt. Unser Konsum macht uns also mitverantwortlich für die Verschleuderung oder den Erhalt von fruchtbaren Böden überall. Wenn die Menschen das wissen, bin ich mir sicher, dass sie beim Einkauf stärker darauf achten werden, regionale oder zertifizierte Produkte zu kaufen – oder weniger Fleisch zu essen!

Prognosen gehen davon aus, dass durch das Bevölkerungswachstum und den Verlust an Ackerböden sich die Ackerfläche, die global pro Kopf zur Verfügung steht, bis zum Jahr 2050 halbieren wird (1). Welche Maßnahmen gegen den Verlust von Böden müssen Ihrer Meinung nach getroffen werden?

Ja, es ist schon erschreckend: in den 70er Jahren standen jedem Erdenbürger noch etwa 0,3 Hektar zur Verfügung, heute sind es 0,2 Hektar und 2015 werden es nur noch 0,15 Hektar sein. Unser Problem ist, dass Boden begrenzt ist – in 1000 Jahren entstehen nur etwa 5cm – und wir auch nicht unendlich viel landwirtschaftliche Fläche zur heute genutzten hinzugewinnen können. Denn nutzbares Land ist endlich, und wir brauchen auch Wald und Wiesen, um das Klima und wertvolle Funktionen der Natur stabil zu halten. Auch der technische Fortschritt kann nicht unendlich Erträge steigern, wenn der Boden nicht intakt ist. Wie schon erwähnt ist die nachhaltigere landwirtschaftliche Produktion ein Schlüssel, den Bodenverlust zu stoppen. Aber auch die Versiegelung, d.h. die Bebauung von landwirtschaftlich nutzbarem Land, muss stark verringert werden. In Deutschland wird alle 20 Minuten 1 ganzer Hektar versiegelt – 1 Hektar Boden geht einfach so, unwiederbringlich, verloren! Das sind 104 Fußballfelder am Tag! Auch die Verschmutzung von Boden durch industrielle Abfälle und Emissionen ist ein Problem. Die Politik muss hier aktiv werden, Regularien und Anreize einführen und monitoren – aber genauso braucht es Landwirte, Investoren, Konzerne und Verbraucher, die aus freien Stücken verantwortlich handeln. Nur wenn alle an einem Strang ziehen, können wir im Jahr 2050 alle satt werden.

Was motiviert Sie morgens und wie denken Sie abends darüber nach?

Mich motiviert zu sehen, dass immer mehr Menschen über Nachhaltigkeit und was sie dafür tun können, nachdenken – das sehe ich beim Einkaufen oder im Park genauso wie im Umgang mit den vielen Vereinen, Bürgerinitiativen, wissenschaftlichen Institutionen und Nichtregierungsorganisationen, die sich für den Bodenschutz einsetzen. Das Partner-Netzwerk unserer Kampagne wächst stetig, und wir bekommen auch immer häufiger Anfragen von Privatpersonen, die etwas unternehmen wollen, um in ihrem Umfeld auf mehr Bewusstsein für Boden und andere natürliche Ressourcen hinzuwirken. Abends bin ich meistens platt vom Tag, und nicht immer überzeugt davon, dass wir nicht doch alle „nur“ kleine Don Quijotes sind. Aber der Gedanke an die vielen Aktionen baut mich immer auf: Schnippeldisko, Fotoausstellung, Festivalorganisation, Filmprojekte, Schulausflüge, Solidarische Landwirtschaft und Urban Gardening. Die Liste ist endlos, kreativ und ich bin überzeugt davon: Kleinvieh macht verdammt viel Mist – und die großen Player werden nachziehen!

Welche Frage würden Sie gerne einmal beantworten, die Ihnen noch nie gestellt wurde?

Es gibt ziemlich viele Fragen, die mir noch niemand je gestellt hat – dafür bin ich nämlich nicht wichtig genug :-). Aber wenn mich mal ein Entscheidungsträger ernsthaft fragen würde, wie wir die große Revolution hin zu einer fairen und ressourcenverträglichen Gesellschaft hinbekommen können, dann würde wiederum ich mit einigen Ideen und vielen Fragen aufwarten.


Informationen zum UN-Jahr des Bodens :


(1) Quelle: BMUB Pressedienst Nr. 251/14 – Bodenschutz; Berlin, 04.12.2014