Bonn-Voices---Notizzettel---Dr-FuchsHerr Dr. phil. Michael Fuchs ist seit 1994 Geschäftsführer am Institut für Wissenschaft und Ethik (IWE). Das Institut verfolgt das Ziel, zu einer ethischen Reflexion der Entwicklung von Medizin, Naturwissenschaft und Technik beizutragen und auf diese Weise einen verantwortungsvollen Umgang mit den in diesen Gebieten entstehenden neuen Handlungsmöglichkeiten zu fördern. Gegründet wurde das IWE im Dezember 1993 auf Initiative der Universität Bonn, der Universität Essen, des Forschungszentrums Jülich (FZJ) und des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Seit dem 1. Januar 2010 ist das Institut zentrale Wissenschaftliche Einrichtung der Rheinischen Friedrichs-Wilhelms-Universität Bonn. Lesen Sie im Folgenden das Interview mit Herrn Dr. phil. Michael Fuchs in der Reihe „Bonn Voices“ zum Thema Ethik und Nachhaltigkeit.

Sehr geehrter Herr Dr. Fuchs, Sie sind Geschäftsführer des Instituts für Wissenschaft und Ethik (IWE). Welche Ziele und Grundgedanken stehen hinter der Arbeit des IWE?

Die Gründung des Instituts 1993 erfolgte vor dem Eindruck beschleunigter Entwicklungen in den Wissenschaften und bei ihrer technischen Umsetzung, die viele Lebensbereiche erfassen und prägen. Insbesondere die Medizin sah sich durch die Genetik und die In-vitro-Fertilisation vor neuen Herausforderungen, die auch mit ethischen Fragen und Weichenstellungen verbunden waren. Das Institut wollte als Zentrum akademischer Reflexion solche ethischen Fragen bearbeiten und dafür jene Disziplinen zusammenbringen, die die naturwissenschaftlichen Grundlagen erarbeiteten, die medizinisch-praktische Umsetzung zu verantworten hatten und die Erfahrungen in der Reflexion normativer Fragen mitbrachten. Dafür sollten auch NachwuchswissenschaftlerInnen qualifiziert werden. Das große öffentliche Interesse ließ schnell erkennen, dass ein solches Institut auch als Ansprechpartner für Personen aus dem außerakademischen Bereich dienen müsste. Inzwischen ist es gelungen, für diesen komplizierten Gesprächs- und Klärungsbedarf die geeigneten Instrumente und Formate zu schaffen.

Eines der aktuellen Forschungsprojekte des IWE trägt den Titel „Normierung in den Modernen Lebenswissenschaften – Der Verweisungszusammenhang von Recht und Ethik vor dem Hintergrund differenter Rechtskulturen und Moralüberzeugungen“. Worum geht es dabei genau, und gibt es ein Praxisbeispiel, auf das erste Erkenntnisse dieser Forschung angewandt werden könnten? 

Die Pluralität der Meinungen und moralischen Überzeugungen ist stets ein Problem, wenn man sich auf bestimmte Regeln verständigen will. Die Wissenschaftsethik und die Bioethik kennen viele Fragen, in denen wir uns nicht damit zufrieden geben, jedem Einzelnen zu überlassen, was er tun will. In der Neuzeit hat sich eine deutliche Trennung zwischen dem normativen System Recht und dem normativen System Moral ausgebildet. Wie deutlich man beide voneinander abgegrenzt und welche Definitionen man zu Grunde legt, bleibt freilich strittig. Recht hat es mit dem äußeren Handeln zu tun und mit dem, was allgemein gelten und mit Zwangsmitteln durchgesetzt werden soll. In jüngerer Zeit hat es aber gerade in dem Bereich, mit dem sich die Bioethik befasst, eine Reihe von neuen Gesetzen gegeben, in denen das Recht die Ethik explizit erwähnt. Zum Beispiel werden konkrete Entscheidungen in die Zuständigkeit einer Ethikkommission überantwortet oder es wird die Zulässigkeit von einer ethischen Prüfung abhängig gemacht. Für manche ist dies einerseits eine Grenzüberschreitung zwischen den Systemen, ein trojanisches Pferd in den Mauern des Rechtssystems, welches nur Unheil anrichten kann. Andererseits hat das Rechtssystem erkannt, dass die Einzelfallprüfung durch Ethikkommissionen ein sehr flexibles und sensibles Instrument ist, insbesondere in Bereichen, in denen es Ziele und Schutzansprüche gibt, die nicht durch ein allgemeines Gesetz in eine eindeutige Rangordnung gebracht werden können. Auch auf internationalem Terrain sehen wir Bezüge zwischen ethischem Diskurs und Recht. Vielfach führt der ethische Diskurs zu Übereinkünften, die zunächst den Charakter unverbindlicher Deklarationen haben, dann aber solche Überzeugungskraft entfalten, dass sie in verbindliche Verträge und Konventionen überführt werden. Ein Bereich der Prägung des Rechts durch die Ethik sind Forschungsvorhaben am Menschen, zum Beispiel im Bereich der Arzneimittelstudien. Hier wurde ein System der freiwilligen Selbstbindung von forschenden Medizinern nach und nach in rechtliche Vorgaben überführt.

2014 wurde das 20-jährige Jubiläum des IWE gefeiert. Können Sie rückblickend Veränderungen hinsichtlich einer Wissenschaftsethik erkennen? Oder auch Veränderungen im Umgang mit Ethik in der Gesellschaft?

Ich habe einen sehr großen Teil der Geschichte des IWE von innen miterlebt. Institutionell muss man zunächst einmal sagen, dass die Anfänge eher klein und bescheiden und die finanziellen Absicherungen aller Beteiligten sehr lange höchst unzureichend waren. Ein Erfolg des Instituts ist also sicherlich, dass die Arbeitsbedingungen für den Nachwuchs nun viel günstiger sind als früher. Es ist aber auch ein Verdienst es IWE, dass sich der Charakter der interdisziplinären und der gesellschaftlichen Auseinandersetzung deutlich verändert hat. Ich will damit nicht sagen, dass interdisziplinäres Arbeiten heute einfach ist. Im Gegenteil gelingt eine tiefe Verständigung zwischen mehreren unterschiedlichen Disziplinen auch heute nur sehr selten und erfordert auf allen Seiten viel Geduld und Lernbereitschaft. Dennoch hat sich aber der Charakter des Dialogs auch mit der Gesellschaft versachlicht. Bei sehr vielen hat sich ein Ringen um Regulierungen und Begründungen eingeübt, bei dem Konsens erstrebt und rationale Dissense ertragen werden. Im Konflikt um die Stammzellforschung etwa erkennen Vertreter eines absoluten Schutzanspruches ebenso wie Vertreter eines eingeschränkten Schutzanspruches menschlicher Embryonen durchaus an, dass die Gründe des Anderen moralisch seriös sein können, auch wenn es nicht die eigenen sind. Freilich ist die gesellschaftliche Beruhigung nicht auf Ewigkeit angelegt. Es wird immer wieder akute Problemsituationen geben, in denen die Emotionen hochkochen und in denen gesellschaftliche Gruppen es für legitim halten, ihre Sache dadurch zu unterstützen, dass sie die Gegenseite diffamieren. Die Erinnerung an gründliche und akademisch fundierte interdisziplinäre Debatten über moralische Konfliktfragen wird aber sicher nicht verloren gehen.

Spätestens seit dem so genannten Brundtland-Bericht „Our Common Future“ wird dem Gedanken der Nachhaltigkeit mit dem Ziel, auch die Bedürfnisse künftiger Generationen befriedigen zu können, ein hoher Stellenwert eingeräumt. Wo sehen Sie besonders starke Überschneidungen und besonders starke Abweichungen zwischen den beiden Leitprinzipien „Ethik“ und „Nachhaltigkeit“?

Beide Konzepte gehören unterschiedlichen Ebenen an. Nachhaltigkeit wurde zwar nicht in der Ethik erfunden, sondern in der Forstwirtschaft, und auch der Brundtland-Bericht, der die Nachhaltigkeit zum politischen Ziel erklärt, bezieht sich dabei nicht explizit auf ethische Argumente. Dennoch ist klar, dass die Abwägung zwischen den Interessen und Bedürfnissen verschiedener Gruppen heute und den Interessen und Bedürfnissen von Menschen in der Zukunft ein Gerechtigkeitsproblem darstellt – folglich existiert hier ein Problem, das in die Ethik gehört. Wie wichtig Gerechtigkeit ist, etwa im Verhältnis zum Durchschnittswohlstand, und was man unter Gerechtigkeit versteht, darüber kann man in der Ethik streiten. Während also Nachhaltigkeit eine Forderung ist, ist Ethik eine Reflexion, in deren Gegenstandsbereich auch diese Forderung fällt. Einige haben gesagt, man solle die Nachhaltigkeit zum Gegenstand einer eigenen Bereichsethik machen, sowie die Medizinethik, die Friedensethik oder die Wirtschaftsethik. Andere sagen, die Klärung der Nachhaltigkeitsindizes falle in einen Bereich, der nicht selbst der Ethik angehört, sondern dieser gewissermaßen vorangeht. Mir ist es hier wichtig, dass die Ethik zu den Debatten um Nachhaltigkeit etwas beitragen kann. Sie kann verdeutlichen, um welche moralischen Konflikte es geht und wie diese mit den verschiedenen ethischen Ansätzen gedeutet werden können. Die Ethik vermag aber auch Distanz schaffen gegenüber den Querelen um die Nachhaltigkeit. Denn sie kann die Frage stellen, ob es immer nur um die Interessen von Menschen geht und um deren Gewichtung oder ob Natur nicht auch oder sogar gerade einen Wert für sich darstellt. Es stellt sich dann die Frage, ob der Nachhaltigkeitsbegriff durch seinen Ursprung im forstwirtschaftlichen Zusammenhang von Verwertungsinteressen so geprägt ist, dass er nicht dazu taugt, nichtutilitäre Wertungen auszudrücken.

Können Sie ein aktuelles Beispiel für den Zusammenhang von Wissenschaftsethik und Nachhaltigkeit nennen?

Wir haben Wissenschaftsethik immer in einem weiten Sinne verstanden. Es ging also nicht nur um die ethischen Regeln in der Wissenschaft. Insofern haben auch Fragen der Umweltethik oder der Naturethik stets in unserem Interessenbereich gelegen. Natürlich hat auch die Forschung zur Nachhaltigkeit Regeln, die zur Wissenschaftsethik im engeren Sinne und sogar im engsten Sinne gehören. Über die eindeutige Verurteilung von Forschungsfälschung und Plagiat hinaus gibt es relativ wenig Klärung darüber, was gute wissenschaftliche Praxis in den Einzelwissenschaften ausmacht. Der Streit um die Daten zum Klimawandel und ihre Deutung fällt in diesen Bereich. Ich wünsche mir eine Intensivierung und Differenzierung der Debatte um die internen Regeln der verschiedenen Wissenschaften.

Wo sehen Sie besonders starken Handlungsbedarf im Zusammenbringen von Ethik und den immer schneller voranschreitenden medizinischen, naturwissenschaftlichen und technischen Entwicklungen?

Es gibt zwei große Bereiche, die sich so vor 20 und auch vor zehn Jahren noch nicht gezeigt haben. Das eine ist die Informationstechnologie. Sie verbindet sich mit allen anderen Technologien, auch denen im Medizinbereich, in einer Weise, dass wir über Privatheit, Recht auf Nichtwissen und Verantwortungszuordnung in neuerer Weise nachdenken müssen. Der andere Bereich ist der der alternden Gesellschaft, für den auch Informationstechnologien, Assistenz-Systeme und die Sicherung von Privatheit von Relevanz sind. Für die alternde Gesellschaft spielt zudem das Problem der Demenz eine große Rolle. Wir sollten uns aber auch darüber im Klaren sein, dass selbst die Überwindung dieses Problems im Sinne einer Therapie große ethische Herausforderungen mit sich bringt. Wenn die Begleiterscheinungen des Alterns therapiert werden können, dann fragt sich, was das Altern an sich ist und ob es vielleicht auch therapiert werden kann. Die allgemeine Frage nach der Begrenzung des Handelns nach dem Wegfall natürlicher oder technischer Begrenzungen spitzt sich hier zu der Frage zu, wie alt wir werden wollen und welche Lebensspanne wir glauben sinnvoll nutzen zu können.

Inwiefern beeinflusst ethisch-moralisch geprägtes Handeln Sie persönlich in Ihrem Arbeitsalltag?

Moderne Ethiker legen zurecht Wert auf die Feststellung, dass Ethiker nicht moralisch bessere Menschen sind. Ethik ist vielmehr die Reflexion auf die Moral, die im Prinzip jedermann hat. Als das Institut gegründet wurde, gab es sogar manche, die der Auffassung waren, dass die Reflexion und Distanz, die mit der Ethik verbunden sind, die Gefahr einer Erosion moralischer Standards mit sich bringe. Ich glaube das nicht. Vielmehr führt die Reflexion auf moralische Einstellungen oftmals auch zu ihrer Bekräftigung. Der Arbeitsalltag als Wissenschaftsethiker ist zum einen ein Alltag als Wissenschaftler und damit ein Alltag, der durch das Ethos wissenschaftlichen Handelns geprägt ist. Ich habe es oben schon angesprochen, als ich über das gute wissenschaftliche Arbeiten gesprochen habe. Zum anderen ist es ein Arbeitsalltag, der durch den Umgang mit Kollegen und Mitarbeitern geprägt ist. Fragen der Unternehmensethik haben uns wissenschaftlich niemals beschäftigt. Wir sind ein Institut wie jedes andere, das sich bemüht, fair zu sein, auch in den internen Abläufen.

Was motiviert Sie morgens und wie denken Sie abends darüber nach?

Es hat mich immer gereizt, einen Beruf zu haben, wie den, den ich jetzt habe. Fast alle Pflichten, die mit der Geschäftsführung des Instituts verbunden sind, sind solche, die ich gern erfülle. Die Planung wissenschaftlicher Projekte und ihre Umsetzung entsprechen ganz meiner Neigung und Neugier. Ich bin zudem sehr froh darüber, dass der interdisziplinäre Arbeitskontext alle Formen von schulphilosophischer Esoterik leicht überwinden hilft. Es wird also nicht verwundern, dass ich morgens gern aufstehe, um das Institut aufzusuchen. Abends allerdings ziehe ich es vor, mich meiner Familie zu widmen. Nur selten nehme ich das Tagesende zum Anlass, um über Erfolg und Misserfolg von Projekten nachzudenken. Das Werk des Philosophen und auch des Wissenschaftsethikers ist kein Tagwerk. Es umfasst und gliedert sich in längere Perioden.

Welche Frage würden Sie gerne einmal beantworten, die Ihnen noch nie gestellt wurde?

Diese Frage ist die schwierigste, denn es gehört ja zu meinen gewöhnlichen Aufgaben, Fragen zu stellen und mir solche Fragen auszudenken, die man auch beantworten kann. Wenn ich auch Fragen stellen darf, die ich gern beantworten würde, ohne jetzt zu wissen, dass ich sie beantworten kann, so ist dies die Frage, wie man die Grenzen des Kontraktualismus überwinden kann, ohne auf problematische Voraussetzungen und bloß subjektive Einsichten Bezug zu nehmen. Der moralische Konflikt um die Sterbehilfe, den Lebensbeginn und den Status der Tiere, zeigt, dass auch diese Frage zwar akademisch klingt, aber eine handfeste praktische Herausforderung in sich birgt. Ich hoffe also, diese Frage nicht allein beantworten zu müssen.

Literaturhinweise:

• Fuchs, Michael et al.: Forschungsethik. Eine Einführung. Stuttgart: Metzler 2010.

• Homepage des IWE: http://www.iwe.uni-bonn.de/

Das Gespräch führte Hanna Pütz, Universität Bonn, Koordinierungsstelle Nachhaltige Entwicklung in der internationalen Zusammenarbeit.