Bonn-Voices---Notizzettel---Voge-(lang)Frau Voge, Sie wurden im Mai 2013 in den Vorstand des Weltladens Bonn gewählt. Wann sind Sie das erste Mal mit dem Thema Fair Trade in Berührung gekommen – und was hat Sie gereizt, dabei zu bleiben und sich weiter für faire Handelsbedingungen zu engagieren?

Der erste Kontakt mit dem Thema, an den ich mich erinnere, waren meine Besuche im Weltladen des Nachbarortes während meiner Schulzeit. Damals habe ich mich schon sehr für das Thema interessiert und für eine Jahresarbeit in der 9. Klasse ein Interview mit den Engagierten dort geführt. Richtig aktiv geworden in den Weltläden verschiedener Städte bin ich dann während meiner Studienzeit.

Für das Engagement für den Fairen Handel motivierten und motivieren mich vor allem all die Informationen über unfaire ausbeuterische Arbeitsbedingungen weltweit, die in den Medien und in Studien aufgedeckt werden – und das Gefühl, dass man über das alternative Handelskonzept im Fairen Handel wenigstens ein kleines bisschen was bewegen kann: Sowohl in unseren Köpfen als auch für immerhin mehrere Millionen Kleinbäuerinnen und -bauern und ihre Familien weltweit.

Weltläden wurden früher als „Dritte-Welt-Laden“ bezeichnet, heute hat sich der der Name „Weltladen“ etabliert. Inwiefern spiegelt dies die weltweiten Veränderungen entwicklungs- und handelspolitischer Paradigmen wieder?

Der Ausdruck „Dritte Welt“ stammt ursprünglich aus der Aufteilung der Welt in den Ost- und Westblock sowie eine dritte Gruppe, die keinem Block zugeordnet war und die vor allem aus ärmeren Ländern des Globalen Südens bestand: der „Dritten Welt“. Dass wir heute nicht mehr von Dritte-Welt-Läden, sondern einfach von Weltläden sprechen, spiegelt sicherlich wieder, dass wir die Welt als ein zusammenhängendes Gebilde wahrnehmen, das wirtschaftlich, sozial und ökologisch eng verflochten ist. Unser luxuriöser Lebensstandard in Europa wäre ohne die Beziehungen zum Globalen Süden nicht möglich. Für die Länder des Globalen Südens bedeuten diese wirtschaftlichen Verknüpfungen jedoch in der Regel sozial, ökonomische und ökologisch verwerfliche Bedingungen beim Anbau oder Abbau von Rohstoffen und bei der Produktion von Konsumgütern. Es existiert eben nur eine Welt, mit der wir zurecht kommen müssen und auf der alle die gleichen Chancen für ein erfülltes und selbstbestimmtes Leben haben sollten.

Die Umsätze für fair gehandelte Waren steigen stetig an – genau so wie die Kritik an Fair Trade Siegeln. Zu hören sind beispielsweise Vorwürfe zur mangelnden Transparenz in der Produktionskette, zur Unterbezahlung von Landarbeitern oder zu Menschenrechtsverletzungen. Wie stehen Sie zu den Zweifeln am Konzept des fairen Handels? Und welche Maßnahmen könnten Ihrer Meinung nach die Situation verbessern?

Bei dieser Frage ist es wichtig, Fairtrade (das Siegel) und Fair Trade (den Fairen Handel allgemein) nicht gleichzusetzen. Es gibt sicherlich einige Dinge, die verbessert werden müssen. Einer der Punkte ist, dass das Fairtrade-Siegel bisher Angestellte von Kooperativenmitgliedern – beispielsweise Tagelöhner in der Landwirtschaft – noch nicht ausreichend einbezieht und absichert. Ein weiterer Punkt ist, dass oft nur ein kleiner Teil der Produktion einer Kooperative über eine Fairtrade-Zertifizierung abgesetzt werden kann, so dass die ökonomischen Vorteile des Mindestpreises und der Fair-Trade-Prämie oft sehr gering bleiben. Um das zu verbessern, müsste der Anteil der zertifizierten Ware am gesamten Handel noch deutlich steigen. Grundsätzlich darf aber nicht vergessen werden, dass dem Konzept Fairtrade dabei zum Teil Aufgaben zugeordnet werden, die eigentlich staatliche Pflichten sind: Zum Beispiel die Umsetzung von Gesetzen (Menschen- und Arbeitsrechte), allgemeine Schulbildung und Landwirtschaftsschulen oder die medizinische Versorgung der Bevölkerung.

Der Faire Handel in den Weltläden geht aber weit über das Fairtrade-Siegel hinaus. Die Kooperativen, die mit der GEPA, El Puente, dwp oder anderen Fair-Handels-Organisationen zusammenarbeiten, können ihre Preise aktiv mitbestimmen, ohne dass sie sich am aktuellen Fairtrade-Mindestpreis oder am Weltmarktpreis orientieren müssen. In vielen Fällen wird da noch deutlich mehr gezahlt und die Kontakte sind sehr persönlich und eng, so dass zugleich gegenseitiger Austausch und Beratung stattfinden. Gleichzeitig funktioniert dieser partnerschaftliche Handel sehr transparent: Während Sie von einem Markenhersteller oder einem Supermarkt sicher nicht erfahren werden, welcher Anteil ihrer von Faitrade gesiegelten Schokolade schlussendlich bei den Kakaobäuerinnen und -bauern ankommt (wobei natürlich der Mindestpreis immer eingehalten werden muss), gibt es bei GEPA und Co. dafür öffentlich zugängliche Aufschlüsselungen. Für jedes einzelne Produkt kann man zudem nachfragen, welcher Anteil an die Kooperativen geht, was der Transport oder die Weiterverarbeitung kosten. Diese Transparenz wird man anderswo nicht finden.

Daher würde ich sagen, dass es wichtig ist, auch beim Begriff „Fairer Handel“ zwischen unterschiedlichen Varianten zu differenzieren und nicht alles in einen Topf zu werfen – insbesondere, da die Bezeichnung „fair“ nicht geschützt ist und jeder alles fair nennen kann, ohne dafür irgendwelche Kriterien erfüllen zu müssen. Außerdem ist klar, dass der Faire Handel als Gesamtkonzept sich weiterentwickeln muss (und das sowieso beständig tut) und dass eine Diskussion darüber, was ein Fairer Preis ist und wie dieser gewährleistet werden soll – insbesondere von Seiten der Unternehmen, die die Verantwortung gerne auf die KonsumentInnen abschieben – sehr wichtig ist. Damit hängt natürlich die für uns unbequeme Frage zusammen, was wir bereit sind, für Fairness zu zahlen, und ob wir unseren Konsum und die Wachstumsideologie nicht generell überdenken müssen.

Welche Rolle spielt der Endverbraucher für den fairen Handel – kann er (oder sie) durch bloßes Einkaufsverhalten einen Beitrag zu fairen Produktions- und Handelsbedingungen leisten? 

Natürlich revolutionieren bewusste Einkaufsentscheidungen alleine nicht das Weltwirtschaftssystem. Aber indem wir bewusst entscheiden, was wir konsumieren und von wo wir es beziehen, können wir erstens den Unternehmen zeigen, ob uns faire Herstellungsbedingungen wichtig sind oder nicht (und immer mehr Unternehmen achten sehr genau darauf, wie hierzu die Stimmung der Verbraucherinnen und Verbraucher ist!) und zweitens führt der Kauf von konsequent fair produzierten Produkten schon dazu, das diese Ziele im kleinen – aber immer größer werdenden – Rahmen umgesetzt werden. Wenn ich meinen Orangensaft, meine Schokolade oder mein neues T-Shirt nicht irgendwo kaufe, sondern aus Fairem Handel, kann ich sicher sein, dass zumindest die Produzentinnen und Produzenten dieser konkreten Produkte davon profitieren, und zwar auf eine Weise, die direkt sichtbar ist, wenn man sich beispielsweise Wirkungsstudien oder Interviews mit Kooperativenmitgliedern ansieht. Und wenn ich als Einzelperson anfange, über die Herkunft meiner Lebensmittel und Konsumgüter nachzudenken, kann ich damit auch andere anregen, zu überlegen, woher diese Fülle an Produkten in unseren Läden eigentlich stammt und sich kritisch damit zu befassen.

Und wie tragen die Aktivitäten des Weltladens Bonn zu fairen Produktions- und Handelsbedingungen bei?

Als Weltladen bieten wir eine breite Palette von Produkten an, die aus konsequent fairem Handel stammen. Ein fair gehandeltes Sortiment mit einigen hundert bis mehreren tausend verschiedenen Produkten, wie in einem Weltladen, finden Sie in keinem Supermarkt oder Bioladen. Darüber hinaus verstehen wir uns aber vor allem auch als Ansprechpartner für Fragen aller Art zum Thema Fairer Handel und wir möchten über Veranstaltungen, über Bildungsangebote, über unsere Homepage und die Informationen, die im Laden ausliegen, so transparent und fundiert wie möglich zum Thema informieren und zum Nachdenken anregen. Darüber hinaus unterstützen wir auch ein paar kleine Fair-Handels-Projekte, die über direkte, persönliche Kontakte laufen. Bei diesen kennen wir die Handelswege bis ins Detail und können sicher gehen, dass 100% der Verkaufserlöse direkt bei den Kooperativen ankommen.

Warum ist der Weltladen wichtig für Bonn und warum ist Bonn als Standort für den Weltladen geeignet?

Bonn nennt sich „Stadt der Vereinten Nationen“ und hier sind viele Organisationen ansässig, die den Fairen Handel in Deutschland und international mitgestalten. Seit 2012 ist Bonn darüber hinaus als Fair Trade Town ausgezeichnet. Den Weltladen Bonn gibt es schon seit über 20 Jahren und ohne ihn würde Bonn in Bezug auf Fairen Handel sicher etwas fehlen, auch wenn es hier noch viele weitere Aktive gibt. Mittlerweile gibt es deutschlandweit ca. 900 Weltläden – da wäre es ja geradezu peinlich, wenn Bonn keinen hätte!

Was motiviert Sie morgens und wie denken Sie abends darüber nach?

Mich motivieren einerseits die vielen negativen Berichte über Ausbeutung und unfaire Arbeitsbedingungen, andererseits aber genauso das offene Interesse und die Unterstützung, die uns die Besucherinnen und Besucher im Weltladen und anderswo entgegenbringen. Insbesondere von denen, die nur zufällig auf das Thema aufmerksam geworden sind und dann mit vollem Engagement dabei sind, obwohl sie sich bis vor kurzem noch keine Gedanken über die globalen Produktionsbedingungen gemacht haben. Und abends denke ich meistens darüber nach, wie wir all unsere Ideen noch besser umsetzen und noch mehr erreichen können.

Welche Frage würden Sie gerne einmal beantworten, die Ihnen noch nie gestellt wurde?

Die Frage wäre: Ist ehrenamtliche Arbeit nicht eine gesellschaftlich anerkannte Form von Ausbeutung kostenloser Arbeit mit positivem Image?

Und meine Antwort darauf lautet: Nein, denn in welchem Beruf kann man schon mit so viel inhaltlicher Freiheit genau daran arbeiten, was einen Interessiert und gleichzeitig so vielfältige Erfahrungen machen und Kompetenzen erwerben, ohne vorher dafür jahrelang an seinem Lebenslauf feilen zu müssen? Der persönliche Gewinn bemisst sich nicht in Geld, sondern in Erfahrungen, persönlichen Kontakten und Begegnungen und dem Wissen, dass man etwas anstoßen und bewegen kann.

Weitere Informationen und Empfehlungen:

Das Interview führte Hanna Pütz (Koordinierungsstelle Nachhaltige Entwicklung in der internationalen Zusammenarbeit, Universität Bonn)