Professor Monika Hartmann ist Leiterin der Professur für Marktforschung der Agrar- und Ernährungswirtschaft an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, Institut für Lebensmittel- und Ressourcenökonomik. Aktuell ist sie als Projekt-Partnerin der Nachhaltigkeitsstudie Ernährung.NRW tätig.
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Bonn Sustainability Portal: Sehr geehrte Frau Professor Hartmann, Sie sind Projekt-Partnerin der Nachhaltigkeitsstudie Ernährung.NRW. In diesem Zusammenhang befassen Sie sich mit dem Konsumverhalten der Verbraucher im Hinblick auf nachhaltig produzierte Güter. Könnten Sie uns einen kurzen Einblick in Ihre Nachforschungen geben?

Prof. Monika Hartmann: Wir betrachten in der Nachhaltigkeitsstudie Ernährung.NRW die Einflüsse und Synergien, die sich aus einer nachhaltigen Wirtschaftsweise für die Unternehmen der Ernährungswirtschaft ergeben. Hierbei berücksichtigen wir die gesamte Wertschöpfungskette. Der Lehrstuhl meines Kollegen, Professor Ernst Berg, legt dabei sein besonderes Augenmerk auf die Prozesse in der Landwirtschaft und der Lebensmittelindustrie. Stark verkürzt lautet also die Frage: Was machen die Landwirte und Unternehmen bereits im Bereich Nachhaltigkeit, welche Auswirkungen sind damit verbunden und lassen sich Initiativen identifizieren, welche die Partner in der Wertschöpfungskette zusätzlich ergreifen könnten.

Meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter legen den Fokus stärker auf die Interaktion zwischen Lebensmittelindustrie, Handel und Konsumenten. Wir schauen beispielsweise, welche Nachhaltigkeitsaspekte in unterschiedlichen Teilbranchen der Ernährungsindustrie verstärkt kommuniziert werden. Spannend wird diese Frage, wenn wir die Ergebnisse am Ende der Studie mit den Anforderungen der Konsumenten abgleichen. Dann sehen wir, ob die Industrie tatsächlich auch die Aspekte aufgreift, welche die Konsumenten bewegt.  Die Koordination des Projektes liegt in den Händen des Instituts für nachhaltiges Management e.V.

Welche Idee steckt hinter dieser Studie und welcher Zielgruppe soll sie dienen?

Nachhaltige Erzeugung von Lebensmitteln kann ein Differenzierungsmerkmal für Landwirte und Unternehmen aus NRW darstellen. Unsere Studie liefert Erkenntnisse, wie unsere Lebensmittelwirtschaft hier in NRW dieses Differenzierungspotenzial derzeit nutzt. Ferner zeigt sie auf, welche Anpassungen im Sinne einer weiteren Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen sowie einer Stärkung der Nachhaltigkeit sinnvoll sind.

Ziel unserer Studie ist es also, Handlungsempfehlungen für die Lebensmittelwirtschaft zu generieren. Daher nimmt der Kontakt mit Unternehmensvertretern eine zentrale Rolle in unserer Studie ein. Das Institut für nachhaltiges Management e.V. verantwortet diesen engen Austausch mit der Wirtschaft in unserem Projekt. So wird sichergestellt, dass wir tatsächlich die für die Unternehmen relevanten Fragestellungen im Projekt untersuchen. Gleichzeitig impliziert dies, dass unsere Erkenntnisse die Unternehmen erreichen.

Haben Sie ein besonderes Produkt in den Mittelpunkt Ihrer Analyse gestellt?

Wir haben an meinem Lehrstuhl bereits verschiedene Studien zur Nachhaltigkeit in der Ernährungswirtschaft durchgeführt. Im vergangenen Jahr haben wir ein Projekt zu Fragen der Nachhaltigkeit in der Fleischwirtschaft abgeschlossen. Im Rahmen einer weiteren Arbeit lag der Fokus auf der Analyse der Relevanz von Nachhaltigkeitsattributen beim Konsum von Kaffee. Parallel zur Nachhaltigkeitsstudie Ernährung.NRW sind wir in ein Projekt integriert, wo es um regional erzeugte Lebensmittel geht. Hier steht also nicht ein Produkt, sondern ein Attribut im Fokus, dass ebenfalls häufig dem Bereich Nachhaltigkeit zugeordnet wird.

In der Nachhaltigkeitsstudie Ernährung.NRW haben wir bewusst einen breiteren Ansatz gewählt. Wir betrachten, wie oben bereits erwähnt, die gesamte Wertschöpfungskette und wo  immer möglich die Ernährungswirtschaft als Ganzes und nicht nur einzelne Branchen.

Bedeutet Nachhaltigkeit in der Produktion automatisch einen größeren Absatz? Oder sind die Verbraucher eher skeptisch?

Wenn Sie sich im Supermarkt umschauen, dann finden Sie Produkte, die mit Nachhaltigkeit werben. Soweit die nachhaltigere Produktion auch mit höheren Kosten verbunden ist, muss sich dies in höheren Erlösen widerspiegeln. Anscheinend gelingt dies, andernfalls würden diese Produkte nicht angeboten. Wir wissen auch aus der bisherigen Forschung, dass nachhaltige Erzeugung ein Differenzierungsmerkmal für Unternehmen sein kann.

Ich glaube allerdings nicht, dass Nachhaltigkeit in der Beschaffung oder in der Produktion automatisch die Absatzzahlen erhöht. Als Unternehmen müssen Sie erreichen, dass der Kunde Ihr Produkt als nachhaltig wahrnimmt. In diesem Zusammenhang ist eine glaubwürdige Kommunikation der Nachhaltigkeitsinitiativen des Unternehmens wichtig.

Der Kunde muss also in Ihre Nachhaltigkeitsbemühungen vertrauen. Wir haben in einer früheren Studie gezeigt, dass ein wichtiger Faktor beim Kauf von nachhaltigen Produkten das Vertrauen darstellt. Im Gegensatz zu dem Produktattribut ‚Frische‘, das Sie beim Kauf z.B. einer Tomate selbst beurteilen können, ist dies in Hinblick auf die Eigenschaft ‚Nachhaltigkeit‘ in der Regel nicht möglich – einer Bio-Tomate sehen Sie nicht an, dass sie Bio ist.

Wie groß ist das allgemeine Interesse an nachhaltig produzierten Produkten? Gibt es eine höhere Wertschätzung?

Ich glaube es ist schwierig, von dem einen Verbraucher zu sprechen. Verbraucher sind untereinander sehr unterschiedlich und selbst ein und derselbe Verbraucher zeigt beim Lebensmittelkauf z.T. ein widersprüchlich erscheinendes Verhalten. In Hinblick auf Nachhaltigkeitseigenschaften liegt dem einen Konsumenten z.B. das Wohl der Tiere am Herzen, für den anderen sind Umweltaspekte von vorrangiger Relevanz und wieder andere setzen auf faire Arbeitsbedingungen. Für unterschiedliche Verbrauchergruppen sind also unterschiedliche Nachhaltigkeitsattribute wichtig. Für die meisten Konsumenten gilt aber nach wie vor, dass sie preissensibel sind, und dass nachhaltige Erzeugung nicht zu Lasten von Qualität, Geschmack und Convenience gehen darf.

Gab es für Sie überraschende Erkenntnisse?

Es hat mich gefreut zu sehen, dass ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit bei vielen Unternehmen der Ernährungswirtschaft bereits existiert und eine Vielzahl von Initiativen auf den Weg gebracht wurden und werden.  Mein erster Eindruck ist, dass es für die meisten Unternehmen aber nach wie vor eine Herausforderung darstellt, Nachhaltigkeit als integrales Element ihrer Geschäftspolitik zu etablieren und entsprechend zu kommunizieren.

Kritisch hat uns die Kooperationsbereitschaft der Handelsunternehmen gestimmt. Hier war die Bereitschaft, uns in der Nachhaltigkeitsstudie Ernährung.NRW zu unterstützen, sehr heterogen. Einzelne Handelsketten haben eine Zusammenarbeit gänzlich abgelehnt. Welchen Schluss soll man daraus über das strategische Commitment des Handelsunternehmens ziehen? Fairerweise sollte ich aber erwähnen, dass wir im Handel auch positive Beispiele erlebt haben. Wir sind auch auf Handelsunternehmen gestoßen, die sich sehr für unsere Arbeit interessieren. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dort waren offen für unsere Arbeit und haben uns nach Kräften unterstützt.

Welche Frage würden Sie gerne einmal beantworten die Ihnen bisher nicht gestellt wurde?

Z.B. wer solche Forschungsprojekte möglich macht. Wir arbeiten mit einem Team aus insgesamt ca. zehn Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen an der Nachhaltigkeitsstudie. Solch eine Studie kann kein Lehrstuhl aus eigenen Kräften stemmen. Darum sind wir sehr dankbar, dass unser Forschungsprojekt vom Land NRW und der Europäischen Union finanziell getragen wird. Ohne diese Fördergelder könnten wir eine entsprechende Studie nicht durchführen.

 

Das Gespräch führte Janine Dornbusch

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Nachhaltigkeitsstudie NRW