Prof. Dr. Jan Börner hat seit August 2012 die Robert Bosch Juniorprofessur am Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF) inne. Sein Forschungsfeld ist die nachhaltige Nutzung tropischer Regenwälder im brasilianischen Amazonasgebiet.

 

Bonn Sustainability Portal: Herr Prof. Dr. Börner, in Ihrer Forschung befassen Sie sich mit der Nachhaltigkeit von Ökosystemen. Könnten Sie unseren Lesern einen kurzen Überblick zu Ihrer aktuellen Forschung geben?

Prof. Dr. Börner: Ich beschäftige mich seit ca. 10 Jahren mit der nachhaltigen Nutzung und dem Schutz von Tropenwäldern, v.a. in der Amazonasregion. Dabei dreht es sich zum einen um die Rolle des Waldes im Leben der lokalen Bevölkerung und zum anderen um die Wahl und Ausgestaltung geeigneter Politikinstrumente für den Waldschutz. Mit „geeignet“ meine ich, dass es beim Tropenwaldschutz oft darum geht, knappe finanzielle Mittel auf sozialgerechte Weise für die Lösung von Interessenskonflikten einzusetzen. In meinem Projekt, das die Robert Bosch Stiftung hier am Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF) unterstützt, geht es zum Beispiel u.a. um die Ausgestaltung von Mechanismen, die Bauern im Amazonasgebiet für die Kosten der Umstellung auf umweltverträglichere Anbaumethoden kompensieren könnten.

Welche Probleme sehen Sie in aktuellen umweltpolitischen Maßnahmen?

Brasilien hat es über die vergangenen 7 Jahre geschafft den jährlichen Waldverlust von durchschnittlich 19.000 km² (etwa die Fläche von Rheinland-Pfalz) auf aktuell um die 5.000 km² zu senken. Das ist ein beachtlicher Erfolg, der sich allerdings auch in stärkerem Druck hinsichtlich einer Reform des brasilianischen Forstgesetzes v.a. durch die Agrarlobby auswirkt. Ein Grund dafür ist die einseitige Ausrichtung der aktuellen Forstpolitik auf Nutzungsverbote, über die zurzeit viel diskutiert wird.

Wie würde Ihrer Meinung nach der ideale Maßnahmenkatalog aussehen (z.B. im Falle der Regenwälder)?

Zu einer Antwort auf diese Frage soll unser Projekt einen Teil beitragen. Sicher ist schon jetzt, dass die Beurteilung eines Politikansatzes immer auch im Auge des Betrachters liegt. Unser Ziel ist es darum nicht, einen Maßnahmenkatalog vorzugeben, sondern den Gestaltungsspielraum durch die Zuhilfenahme von Daten- und Szenarioanalysen besser auszuleuchten. Dabei wird u.a. untersucht, wie sich Änderungen im aktuellen Maßnahmenkatalog auf die Beziehungen zwischen Nachhaltigkeitsindikatoren in den Dimensionen Umwelt, Soziales und Ökonomie auswirken. Die Herausforderung für die Politik besteht darin, dass die Auswirkungen regional sehr unterschiedlich sein können.

Wie realistisch ist es, dass Ihre Forschungsergebnisse in der Politik zum Einsatz gebracht werden?

Die Brücke zwischen Wissenschaft und Praxis zu schlagen ist nie einfach. Politische Rahmenbedingungen können sich fast täglich ändern und damit auch die Nützlichkeit von Forschungsergebnissen in der Politikdebatte. Unsere Art von Forschung richtet sich an die verschiedenen Teilnehmer dieser Debatte, d.h. nicht nur Politiker, sondern auch zivilgesellschaftliche Vertreter, die in der brasilianischen Umweltpolitik eine zunehmend wichtige Rolle spielen. Wenn wir es schaffen, dass unsere Forschung Denkanstöße gibt und mehr Klarheit schafft in der Diskussion um die Gestaltung von Tropenwaldschutzpolitiken, dann haben wir viel erreicht.

Wie können Konsumenten handeln?

Brasilien ist Herkunftsland von weltweit gehandelten Produkten wie Soja, Rindfleisch und Ethanol aus der Zuckerrohrproduktion. Verantwortlicher Konsum muss nicht kein Konsum heißen. Konsumenten sollten aber durch ihre Kaufentscheidungen signalisieren (können), dass bestimmte Produktionsformen, wie zum Beispiel die Rinderaufzucht auf illegal gerodeten Flächen unerwünscht sind. Oft fehlt die nötige Produktinformation um bewusste Entscheidungen zu treffen auch wenn daran zunehmend gearbeitet wird.

Inwiefern kann nachhaltiger Konsum den Schutz unserer Ressourcen beeinflussen?

Verantwortlicher Konsum ist ein wichtiger Beitrag. Nichtsdestotrotz werden, zum Beispiel durch Zertifizierungsinitiativen, oft nur Nischenmärkte bedient. Die kritische Masse für den notwendigen Druck auf die Massenproduktion wird selten erreicht, v.a. dann nicht wenn es wie bei Soja, um Produkte geht, die weiterverarbeitet werden und im Endprodukt nicht oder nur unzureichend ausgewiesen werden.  Viele Umweltschutzorganisationen setzen darum vermehrt auf Allianzen mit großen Handelsfirmen und der Weiterverarbeitenden Industrie. Im Falle von Soja oder Palmöl wird der globale Markt von einigen wenigen Firmen dominiert. Wenn Allianzen erfolgreich sind, kann so viel Änderungsdruck entstehen.

Wird der Preis für umwelt- und sozialfreundliche Konsumgüter durch ressourcenschonende Nutzung ihrer Einschätzung nach steigen? Oder werden auch solche Güter erschwinglich werden?

Gemessen an unserem Durchschnittseinkommen geben wir heute deutlich weniger für Nahrungsmittel aus als noch vor 20 oder 30 Jahren. Ein Grund dafür ist, dass die Umweltschäden, die bei der Nahrungsmittelproduktion entstehen selten im Preis berücksichtigt werden. Auch hier haben wir wieder einen Zielkonflikt, den es so zu lösen gilt, dass Nahrungsmittel auch für Menschen mit geringem Einkommen erschwinglich bleiben. Ich bin überzeugt, dass hier Spielraum besteht, sehe aber Mehrausgaben für Nahrungsmittel auch als eine Investition in den ebenso notwendigen Schutz von Naturräumen.

Was motiviert Sie morgens und wie denken Sie abends darüber nach?

Der Schlaf regeneriert die Motivation. Eine brasilianische Kollegin von mir hat es einmal sehr treffend gesagt: „Abends denke ich manchmal: das wird nie was. Morgens denke ich dann: doch, irgendwie klappt‘s schon“. Meine Kinder sind morgens und abends gut gelaunt; das hilft mir auch abends den Mut nie ganz zu verlieren.

Welche Frage würden Sie gerne einmal beantworten, die Ihnen noch nie gestellt wurde?

Es gibt viele gute und darum oft gestellte Fragen, auf die ich keine Antwort weiß. Darum möchte ich hier lieber keine Neue erfinden.

Weitere Informationen zu Prof. Dr. Jan Börner finden Sie hier.