ifnm: NRW startet erstmals umfassende Nachhaltigkeitsstudie für den Lebensmittelsektor

Nachhaltigkeit ist aktuell eine der meistgenannten Anforderungen an die Agrar- und Ernährungswirtschaft hierzulande. Allerdings gehen bislang bei den Beteiligten die Vorstellungen häufig noch weit auseinander, sowohl was die Inhalte des Begriffs „Nachhaltigkeit“ anbetrifft, als auch die damit verbundenen Erwartungen und nicht zuletzt das in dieser Hinsicht bereits Erreichte. Deshalb erschien es der nordrhein-westfälischen Landesregierung an der Zeit zu sein, in einer umfassenden „Nachhaltigkeits-studie Ernährung.NRW“ erstmals den Status Quo nachhaltiges Wirtschaften im Lebensmittelsektor im eigenen Bundesland erfassen und bewerten zu lassen.

Dazu sollen in der Studie nun zum einen die Ansprüche und Vorstellungen der Verbraucher im Hinblick auf Nachhaltigkeit mit den bereits vorhandenen Aktivitäten der Branchenmitglieder in Nordrhein-Westfalen abgeglichen werden. Hier gibt es zum Teil noch recht unterschiedliche Wahrnehmungen. Zum anderen zielt die Untersuchung darauf ab, wissenschaftliche Grundlagen für die Entwicklung innovativer wie auch marktgerechter Nachhaltigkeitskonzepte zu erarbeiten. Aus diesen Konzepten konkrete Handlungsempfehlungen an die Beteiligten der Wertschöpfungskette Lebensmittel abzuleiten, ist ein weiterer Anspruch der Studie. Diese Vorschläge sollen letztlich auch dazu beitragen, die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen der Agrar- und Ernährungswirtschaft aus NRW zu verbessern und langfristig zu sichern.

Nicht zuletzt will die Landesregierung Nordrhein-Westfalens mit der „Nachhaltigkeitsstudie Ernährung.NRW“ aber auch ihre eigene Nachhaltigkeitsstrategie wissenschaftlich evaluieren und unterfüttern lassen. Denn die Förderung von Nachhaltigkeit – nicht nur in der Agrar- und Ernährungswirtschaft – stellt ein zentrales Anliegen der nordrhein-westfälischen Landesregierung dar.

Was die Zielsetzung der „Nachhaltigkeitsstudie Ernährung.NRW“ in der praktischen Umsetzung bedeutet, stellten jetzt Verantwortliche des Instituts für Nachhaltiges Management (ifnm) und der Universität Bonn, die mit der Durchführung der Untersuchung beauftragt sind, im Rahmen einer Auftaktveranstaltung in Bonn vor. „Wir werden anhand der gesamten Wertschöpfungskette ermitteln, wo die Wirtschaftsbeteiligten in NRW bereits nachhaltig handeln, ob und wie der Verbraucher dies wahrnimmt sowie welche zielführenden Möglichkeiten der Optimierung im Sinne von Nachhaltigkeit bestehen“, erklärte der Geschäftsführer des Instituts für Nachhaltiges Management (ifnm) in Bonn, Dr. Michael Lendle. Nach seinen Worten soll aber auch geklärt werden, wie und über welche Kanäle etwa die Kommunikation zwischen Konsumenten und Unternehmen beim Thema Nachhaltigkeit verläuft, ob sie funktioniert bzw. wie sie sich verbessern lässt, damit beide Seiten davon profitieren. In diesem Zusammenhang sieht Dr. Lendle einen wesentlichen Schwerpunkt der „Nachhaltigkeitsstudie Ernährung.NRW“ auch darin, zu eruieren, welche Kriterien und Werte Nachhaltigkeit tatsächlich ausmachen, denn „nur wenige Begriffe werden derzeit so inflationär verwendet wie Nachhaltigkeit“, weiß der Experte.

Der Bereich Fruchtsaft wurde für die „Nachhaltigkeitsstudie Ernährung.NRW“ deshalb ausgewählt, weil es sich um eine für Nordrhein-Westfalen relevante Branche handelt, die zusammen mit ihren Zulieferbetrieben exemplarisch eine ganzheitliche Analyse zu Nachhaltigkeitsaspekten entlang der vollständigen Wertschöpfungskette ermöglicht, wie Prof. Monika Hartmann vom Institut für Lebensmittel- und Ressourcenökonomik (ILR) der Uni Bonn erläuterte. Nach Auskunft der Wissenschaftlerin wird sich die Untersuchung zunächst auf die Fruchtsafthersteller aus NRW konzentrieren. Im weiteren Verlauf des Projektes sollen dann alle Fruchtsaftprodukte, die in Nordrhein-Westfalen im Angebot des Handels zu finden sind, mit einbezogen werden.

Interessant ist die Fruchtsaftbranche auch deshalb, weil sie ihre Rohstoffe zur Verarbeitung nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus Übersee erhält. So etwa bei Orangensaft aus Brasilien oder bei Apfelsaft aus China. Dabei werde deutlich, dass sich die deutschen Fruchtsafthersteller nicht nur hierzulande für nachhaltiges Wirtschaften einsetzten, sondern auch in den Produzentenländern vor Ort, betonte der Geschäftsführer des Verbandes der deutschen Fruchtsaft-Industrie (VdF), Klaus Heitlinger bei der Auftaktveranstaltung zur „Nachhaltigkeitsstudie Ernährung.NRW“. Allerdings sei es oftmals schwierig, diesen Einsatz und die damit verbundenen Fortschritte zu kommunizieren, sagte Heitlinger.

Diese Problematik ist auch Dr. Sabine Eichner, Geschäftsführerin der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE), geläufig. So werde die hohe Qualität der in Deutschland hergestellten Lebensmittel ebenfalls nicht der heimischen Branche zugeschrieben, stellte sie fest. Auch Nachhaltigkeit im Lebensmittelbereich sei sehr erklärungsbedürftig, sagte Dr. Eichner. Deshalb hält sie mehr und bessere Kommunikation zwischen den Lebensmittelproduzenten und ihren Kunden notwendig. Zu einem intensiveren Dialog zwischen diesen Beteiligten tragen nach ihren Worten bereits die so genannten social media bei, wie facebook oder twitter. Die Kommunikation über solche Kanäle nehme ständig zu, sagte die BVE-Geschäftsführerin. Sie forderte ihre Branche auf, diese Chancen zu nutzen, auch um das Bild des eigenen Unternehmens sowie der gesamten Branche beim Verbraucher zu verbessern.

Nachhaltigkeit sei in der Ernährungsbranche inzwischen ein bekanntes Thema, das auch in seiner Multidimensionalität erkannt werde, fasste abschließend Prof. Ernst Berg, ebenfalls vom ILR der Universität Bonn, zusammen. Um zu einer ganzheitlichen Umsetzung von Nachhaltigkeit zu kommen, müsse jedoch zunächst eine Gesamtstrategie formuliert werden. Von diesem Startpunkt gelte es dann sich selber darauf auszurichten.

Die Laufzeit der „Nachhaltigkeitsstudie Ernährung.NRW“ ist bis 2014 terminiert. Doch die im Zuge dieses Projektes gewonnene Ergebnisse würden schon vorher sukzessive publiziert, versicherten die Beteiligten. Langfristig können die Erkenntnisse der Studie demnach dann auch bundesweit zur Optimierung der Nachhaltigkeit in der Lebensmittelbranche beitragen.