Denkwerk Zukunft: Zwischenruf "Der Fetisch "Wachstum" und seine systemische Rationalität"

    Wenn wir davon ausgehen, dass Wirtschaftsräume (EU), Nationen, Regionen, Firmen, … soziale Systeme sind, dann werden ihre internen Prozesse an Zielzuständen ausgerichtet. Man kann genau drei Arten dieser Ausrichtung unterscheiden: positive Abweichung vom Zielzustand (Wachstum), genau im Zielzustand (keine Abweichung) und negative Abweichung (Schrumpfung). Die negative Abweichung birgt die Gefahr der Systemauflösung, weil sich solche Prozesse über die Zeit verselbständigen können. Die Stabilisierung eines Systems im Zielzustand bei variierender Umwelt ist äußerst schwierig, da man sehr genau steuern muss (Punktsteuerung). Häufig aber kennt man weder die externen Einflüsse ausreichend noch die Wirkung von Steuerungsmaßnahmen im System. In einem solchen Zustand der Unwissenheit kann man den Erhalt des Systems vor allem durch positive Abweichung erreichen. Wachstum ist bei variierenden Einflüssen durch die Umwelt eine rationale Entscheidung.

    Muss es aber allein ökonomisches Wachstum sein? Nein. Es stellt nur eine gewohnte Vereinfachung dar.

    Die Reduktion des Zielzustandes auf diese eine Dimension, die durch Geld messbar ist, geht an der Komplexität der Lebenswelt vorbei. Es fragt sich nur, welche Art von Wachstum wir in den sozialen Systemen wollen. Hier liefert die Zufriedenheitsforschung Hinweise, weil sie die Steuerungskriterien der Mitglieder des sozialen Systems selber ins Zentrum rückt, z.B. für das Makrosystem Deutschland: Gesundheit, finanzielle Sicherheit, gute Freunde, eine glückliche Beziehung, Freude am Beruf,…Generell sollten die Mitglieder des jeweiligen Systems (bottom-up) diese Zielkriterien liefern, die dann zu seiner komplexeren Steuerung verwendet werden, mit dem Ergebnis in diesen erweiterten Kriterien Wachstum zu erreichen.

    Professor Dr. Erich H. Witte war Leiter des Instituts für Sozialpsychologie an der Universität Hamburg

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