DIE: Umkämpfter Rohstoff Wasser?

Seit nunmehr 19 Jahren gibt es den Weltwassertag (22. März), den die Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung (UNCED) 1992 in Rio ins Leben gerufen hatte, um zu erinnern, welche Bedeutung Wasser für Menschen und Volkswirtschaften hat: kein Leben ohne Wasser, keine landwirtschaftliche oder industrielle Produktion und keine Energieversorgung ohne Wasser – diese banale Weisheit bleibt wahr, auch nach 19 Jahren. Wasservorkommen haben auch geopolitische Implikationen, wenn Flüsse mehrere Staaten durchfließen. Die Süddeutsche Zeitung vom 18. Januar 2011 vermutet in solchen Fällen, dass „Klimawandel und die wachsende Weltbevölkerung … Wasser zu einem umkämpften Rohstoff (machen)“. Diese Sichtweise wird von vielen geteilt: „Aufstand am Nil. Die Fluss-Anrainer wehren sich dagegen, dass Ägypten und Sudan fast das gesamte Wasser bekommen“ (Süddeutsche Zeitung, 21.03.2010); „Wasserkampf am Yarlung Tsangpo. China baut in Tibet Staudämme, und in Indien geht die Angst um“ (Frankfurter Rundschau 28.06.2010). und es ist schon fast zum Gemeinplatz geworden, dass ein Land dem anderen das Wasser abgräbt.

Ist die Wasserversorgung durch Staudämme gefährdet?
Natürlich existiert ein Wettbewerb um knappe Wasserressourcen. Die Wasserversorgung für die landwirtschaftliche Produktion kann durch die Nutzung am Oberlauf erheblich in Mitleidenschaft gezogen werden, wenn Staaten im Winter Elektrizität produzieren und die Unteranlieger das aufgestaute Wasser im Sommer für die Bewässerung brauchen (das ist Kern des Konflikts am Flusssystem des Amu und Syr Darya in Zentralasien). Oder wenn beide – Ober- und Unteranlieger – Wasser für die Bewässerung nutzen wollen (wie die Türkei und Syrien am Euphrat). In der Mehrzahl der Konflikte an den über 260 grenzüberschreitenden Flüssen ist jedoch die Trinkwasserversorgung der rund 40 Prozent der Weltbevölkerung, die in den Einzugsgebieten dieser Flüsse leben nicht gefährdet, ebenso wenig wie die Brauchwasserversorgung der Industrie. Wenn die Bevölkerung Indiens kein Wasser zum Trinken hat, dann nicht weil China oder Nepal der indischen Bevölkerung das Wasser ‚abgraben’, sondern weil die für die Wasserversorgung zuständigen Stellen notwendige Investitionen unterlassen und dadurch ‚Knappheit’ verursachen.

Nicht Wasserknappheit, sondern Nachfrage nach Energie
An vielen grenzüberschreitenden Flüssen ist die steigende Nachfrage nach Energie und damit vor allem der Bau von Speicherwasserkraftwerken Konfliktgegenstand. Wasserkraft ist die am besten entwickelte nicht fossile Form der Stromproduktion und Bestandteil der in vielen Ländern verfolgten Strategie zur Bekämpfung des Klimawandels. James P. Leape, Generaldirektor von WWF International, behauptet in einem 2011 erschienen Bericht: “By 2050, we could get all the energy we need from renewable sources“ – Wasserkraft eingeschlossen. Davon ist man heute noch meilenweit entfernt. Das World Energy Book (2007) schätzt, dass weltweit 1,6 Milliarden Menschen nicht an Elektrizität angeschlossen sind und dass 2,5 Milliarden traditionelle Biomasse zum Kochen und Heizen benutzen. Nach Daten der Internationalen Energieagentur der OECD liegt die Elektrifizierungsrate in Entwicklungsländern unter dem weltweiten Durchschnitt – die afrikanischen Länder bilden das Schlusslicht. Eine Länderstudie von Frost & Sullivan (2009) verweist auf das hohe nicht genutzte Potenzial: in Angola, Kamerun, der Demokratischen Republik Kongo, Äthiopien, Gabun und Madagaskar sind erst 2 bis 4 Prozent der Wasserkraft erschlossen, in Mosambik 17, in Nigeria 7, in Südafrika 20 und in Sambia 29 Prozent. Um dieses Potenzial für die ökonomische und soziale Entwicklung nutzbar zu machen, müsste Afrika nach einer jüngsten Untersuchung der Weltbank jährlich 7,000 Megawatt installieren – das meiste davon an grenzüberschreitenden Flüssen.

Wasserkraft ist nicht unumstritten
Wasserkraft, vor allem die mit großen Speicherkraftwerken produzierte, ist jedoch alles andere als unumstritten (Die Aktuelle Kolumne vom 22. November 2010). Multilaterale Entwicklungsbanken und bilaterale Geber haben sich in den letzten Jahrzehnten wegen der Umweltfolgen und den sozialen Auswirkungen zurückgehalten und nur wenige Finanzierungszusagen gemacht. Dies hat sich mit dem Auftreten eines neuen Akteurs, China, geändert, der sich nur zögerlich internationalen Umwelt- und Sozialstandards annähert. Um negative Auswirkungen auf Mensch und Umwelt zu vermeiden müssten deshalb von den Ländern selbst entsprechende Maßnahmen ergriffen werden – und zwar von allen Anrainerstaaten. Dies wird durch schwache nationale Gesetze behindert (es fehlen z.B. Vorschriften für Minimalabflüsse zur Erhaltung der Flussökosysteme). Die Umsiedlungsplanung und –praxis ist alles andere als zufrieden stellend, die Qualität von Umweltstudien beklagenswert und die betroffene Bevölkerung wird, wenn überhaupt, nur marginal beteiligt (siehe Untersuchungen über China Discussion Paper 4/2010, Indien Discussion Paper 10/2010, Türkei und Ghana Discussion Paper 3/2011).
Die Unsicherheiten bei der Erschließung des Wasserkraftpotenzials werden durch die klimatischen saisonalen Veränderungen und die prognostizierten langfristigen Auswirkungen des Klimawandels auf Temperatur (die Verdunstung in den Reservoiren steigt) und Niederschläge erhöht, da sie die Wassermengen, die gespeichert und genutzt werden können, reduzieren (die andere Seite der Medaille sind Überschwemmungen und das Versagen der Hochwasserkontrolle durch Stauanlagen). Die von der Wasserkraft abhängigen Länder Ostafrikas – Kenia, Tansania und Simbabwe – können davon ein Lied singen: ihre Elektrizitätserzeugung sank als Resultat anhaltender Dürren drastisch. Die Wasserkraft ist kein Allheilmittel. Sie ist nur eine von vielen Möglichkeiten, die im Energiemix einiger Länder eine wichtige Rolle spielen kann.

Wasserkraftwerke eröffnen Kooperationsmöglichkeiten
Wenn die Wasserkraft grenzüberschreitender Flüsse die steigende Nachfrage nach Elektrizität decken soll, ergeben sich ungeahnte Kooperationsmöglichkeiten für die beteiligten Staaten. Beispiele dafür sind der gemeinsame Bau von Wasserkraftwerken am Parana von Brasilien und Paraguay (Itaipu), am Sambesi von Sambia und Simbabwe (Cabora Bassa) und am Senegal von Mali und Mauretanien (Manantali). Nutzungskonflikte werden sich nicht in Luft auflösen. Sie können jedoch durch eine gemeinsame Planung Nutzen für alle generieren, zumal wenn sie in den Aufbau regionaler integrierter Energieverbünde eingebettet sind (siehe der etablierte Southern African Power Pool und der im Aufbau befindliche Energieverbund der Ostafrikanischen Staaten). Allerdings: Umwelt- und Sozialstandards müssen von Fachbehörden und beteiligten Unternehmen zur Anwendung kommen. Und dies ist leichter gesagt als getan.

Von Dr. Waltina Scheumann, Deutsches Institut für Entwicklungspolitik (DIE)

© Deutsches Institut für Entwicklungspolitik (DIE), Bonn.

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