DIE: Die aktuelle Kolumne | Welche Rolle spielt die Wissenschaft im „Superjahr 2021“?

Ein Jahr, geprägt von einer weltweit kollektiven Krisenerfahrung in nicht gekanntem Ausmaß, mit jeweils lokal und sozial unterschiedlichen Ausprägungen, liegt hinter uns. Auch 2021 wird stark von der Covid-19-Pandemie geprägt sein. Gleichzeitig hat es keine geringere Aufgabe als zum historischen Wendepunkt zu werden: Covid-19-Bewältigung, wirtschaftliche und gesellschaftliche Genesung fallen zusammen mit mehreren Großveranstaltungen der internationalen Umwelt- und Klimapolitik. In den Medien ist die Rede vom „Superjahr 2021“.

Was bedeutet dieses Zusammenspiel von Covid-19-Bewältigung und Großveranstaltungen der internationalen Umwelt- und Klimapolitik in 2021 für Forschung und Beratung für nachhaltige Entwicklung, wie sie das Deutsche Institut für Entwicklungspolitik (DIE) praktiziert?

Die Herausforderungen der angelaufenen Impfkampagnen gehen weit über die multilateral zu klärenden Fragen nach Finanzierung, Produktion und Zulassung hinaus. Regionale, nationale, lokale und sektorale Governance-Systeme sind aufgefordert, in selten geübter Art für den Zugang zu Impfstoffen und ihre Verteilung ineinander zu greifen. Auch gesellschaftliche Akzeptanz für Impfschutz zu generieren, gestaltet sich weltweit äußerst unterschiedlich.

Zur globalen Gesundheitskrise kommen die kaskadierenden Risiken der Pandemie: sie wirkt als ökonomische Krise, als soziale und politische Krise. Die aufgelegten Wiederaufbauprogramme unterscheiden sich global massiv bezüglich ihrer Finanzvolumina und der an sie gebundenen Umwelt- und Sozialstandards. Laut Internationalem Währungsfonds reichen sie von 9,3% des BIPs in Hocheinkommensländern, bis 6% in Schwellenländern und 1,8% in Niedrigeinkommensländern. Die Weltbank geht von Pandemie-bedingten Zyklen wachsender Einkommensunterschiede weltweit aus. Um sozial und ökologisch nachhaltiges „build forward better“, in den Worten von UN-Generalsekretär António Guterres, sicherzustellen, müssen die Stimulus-Pakete somit sozialen Ungleichheiten durch die Pandemie entgegenwirken und der Klimakrise vorbeugen.

Vier Verhandlungsarenen der internationalen Umwelt- und Klimapolitik in 2021 sind hervorzuheben: (1) 15. Vertragsstaatenkonferenz der UN-Konvention für biologische Vielfalt, geplant für Mai in Kunming, China. (2) 26. Vertragsstaatenkonferenz der UN-Klimarahmenkonvention im November in Glasgow, Schottland (Gastgeber: Großbritannien und Italien) zwecks einer gemeinsamen Dekarbonisierungsstrategie bis 2050. (3) 19. Sitzung des Komitees zur Umsetzung der UN-Konvention zur Bekämpfung von Wüstenbildung im März, virtuell. (4) Ausgestaltung der UN-Dekade Ozeanforschung für nachhaltige Entwicklung 2021-2030 (inkl. UN-Oceans Summit, März, Lissabon, Portugal).

Insbesondere von Europa, den USA und China wird in diesen Verhandlungen ambitionierte Führung erwartet. Die EU-Ratspräsidentschaften Deutschland (2020), Portugal und Slowenien (2021) als Trio, Italiens G20-Präsidentschaft und Großbritanniens G7-Präsidentschaft (gefolgt von Deutschland in 2022) flankieren dies. China hat sich durch die Selbstverpflichtung Ende 2020, bis 2060 CO2-neutral zu sein, positioniert. In den USA lässt der Führungswechsel hoffen.

Die sozial-, wirtschafts- und politikwissenschaftliche Nachhaltigkeits- und kooperative Entwicklungsforschung des DIE findet vor diesem geopolitischen und von der Pandemie geprägten Hintergrund statt. Ziel ist es, über empirisch-basierte – und in internationalen Partnerschaften reflektierte – Forschung, zu Ansätzen zur Covid-19-Krisenbewältigung beizutragen und politische Maßnahmen zum Abwenden künftiger Krisen wissenschaftlich zu begleiten. Es handelt sich um Forschung, die die gesellschaftlichen Herausforderungen und politischen Verhandlungsarenen adressiert, sich hierzu öffentlich äußert, sowie im Sinne transformativer Forschung auch vertraulich beratend agiert.

Vor diesem Hintergrund begrüßt das DIE ausdrücklich die UN Research Roadmap for the COVID-19 Recovery und trägt zu ihrer Umsetzung bei, stets in Verbindung mit klima- und umweltpolitischen Fragestellungen im Kontext globaler Ungleichheiten. Dies umfasst Fragen nach den Auswirkungen der Pandemie auf Gesellschaften und Ökonomien in Afrika, Asien, Lateinamerika sowie auf regionale (EU, AU) und multilaterale Zusammenarbeit (UN-System, G20) genauso wie die Entwicklung konkreter Ansätze zu Krisenbewältigung und -prävention. Beispiele sind Arbeiten zu den Covid-19-Finanzinstrumenten als transformativem, vorbeugenden Hebel der Klimakrise, oder aber die empirische Erhebung gesellschaftlichen Zusammenhalts in unterschiedlichen Lokalkontexten sowie die Analyse dessen bezüglich Krisenresilienz und -prävention.

Das Jahr 2021 ist durch das Zusammenspiel von Covid-19-Bewältigung und den umwelt- und klimapolitischen Verhandlungen auf Ebene der Vereinten Nationen auch für die Wissenschaft für nachhaltige Entwicklung ein besonderes Jahr. Es ist ihre Aufgabe, die beschleunigten Prozesse des Krisenmanagements auf Basis gesammelter Expertisen zu reflektieren, die rapiden Veränderungen empirisch zu begleiten sowie für Politik und Gesellschaft Hintergrund- und Orientierungswissen anzubieten. Über Jahre gewachsene, globale Partnerschaften für Reflexions- und Beratungsrunden sowie vertrauliche Beratungsstrukturen zwischen Wissenschaft und Politik sind hierbei von zentraler Bedeutung. Im gemeinsamen kritischen und sachorientierten Austausch gilt es, ‚alternative Fakten‘ in Krisendiskursen einzugrenzen und gemeinsam Covid-19-Bewältigung und Wiederaufbau zu nutzen, um Klimakrise und wachsenden globalen Ungleichheiten entschieden entgegenzutreten.

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Quelle: Deutsches Institut für Entwicklungspolitik (DIE), Die aktuelle Kolumne, Anna-Katharina Hornidge, 11.01.2021