Anna-Katharina Hornidge spricht über die Verknüpfung von Forschung, Politikberatung und Lehre zur Bewältigung globaler Herausforderungen

Sehr geehrte Frau Hornidge, Sie sind die neue Direktorin des Deutschen Institut für Entwicklungspolitik, welche Ziele haben sie sich für die Zukunft des DIE gesetzt?

Das Deutsche Institut für Entwicklungspolitik (DIE) betreibt Forschung, wissenschaftlich-fundierte Politikberatung und Ausbildung zu Fragen der internationalen Zusammenarbeit, Entwicklungspolitik, sozialer Ungleichheiten und Transformationen zur Nachhaltigkeit. Diese thematische Ausrichtung, sowie der Anspruch Forschung, Ausbildung und wissenschaftlich-basierte Beratung, gemeinsam zu denken, halte ich für zentral, gerade mit Blick auf die großen globalen Herausforderungen, inklusive der momentanen Pandemie. Insofern sehe ich langfristig das DIE als Institut noch mehr als bisher diesen ambitionierten Bogen füllen: von empirischer Grundlagen- und anwendungsorientierter Forschung in enger Kooperation mit universitären und außeruniversitären Forschungsinstituten, Ausbildung und Lehre, bis hin zur verlässlichen und Ressort-übergreifenden Politikberatung.

Ich lege großen Wert auf die Freiheit und Unabhängigkeit von Forschung und suche den verstärkten Brückenschlag in die universitäre Forschungs- und Lehrlandschaft Deutschlands, Europas und in unsere Partnerländer hinein. Gleichzeitig wollen wir am DIE unsere Aktivitäten im Bereich der Politikberatung weiter ausbauen. Politik und Wissenschaft im 21. Jahrhundert müssen gemeinsam – oder besser: in epistemischer Freundschaft – Wege finden, die gesellschaftlich verhandelten Zukunftsvisionen umzusetzen. Dafür müssen Wissenschaft und Politik kontinuierlich im Dialog stehen, gegenseitig ihre Unabhängigkeit respektieren, um zu reflektierten, klugen Entscheidungen zu finden.

Was sind Ihre Forschungsschwerpunkte, auch innerhalb Ihrer Professur für Globale Nachhaltige Entwicklung an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn?

Meine wissenschaftlichen Schwerpunkte liegen in der empirischen, sozial- und kulturwissenschaftlichen Forschung im Entwicklungskontext in Südost- und Zentralasien, sowie zunehmend West- und Ost-Afrika. So finden sich meine Hauptexpertisen zum einen in Fragen zur Rolle unterschiedlicher Wissenstypen und Innovationen in Entwicklungs- und gesellschaftlichen Transformationsprozessen. Zum anderen befasse ich mich mit dem Kontext von Umwelt-Governance, also Land- und Wassermanagement in der Landwirtschaft, der Fischerei und Fragen des Küstenschutzes im Umgang mit Meeresspiegelanstieg und Artensterben.

Thematisch passen diese Schwerpunkte sehr gut in das Profil des DIE und ich werde sie als Teil der Professur für Globale Nachhaltige Entwicklung an der Universität Bonn weiter ausbauen. Gerade der Meeresfokus, mein konzeptioneller Hintergrund im Sozialkonstruktivismus und der Wissenssoziologie sowie die Methodenstärke in der qualitativ, ethnographischen Entwicklungsforschung bieten zahlreiche Schnittstellen interdisziplinäre Forschungs- und Beratungskooperationen zwischen der Uni Bonn und dem DIE.

Mit Ihrer Tätigkeit als Direktorin des DIE und Professorin der Uni Bonn stehen Sie an der Schnittstelle zwischen Forschung, Beratung und Lehre. Was macht für Sie gelungene Wissenschaftskommunikation aus?

Während der Corona-Krise haben wir besonders eindrücklich erlebt, wie wichtig gute Wissenschaftskommunikation ist. Sie ist nicht nur wichtig, damit die Politik wissenschaftlich-basierte Entscheidungen treffen kann. Sondern auch, damit die Gesellschaft diese Entscheidungen sowie aktuelle Entwicklungen nachvollziehen und wohlüberlegt reflektieren kann. Gute Wissenschaftskommunikation ist für mich gekennzeichnet durch allgemeinverständliche, präzise Kommunikation von Forschungsfragen und sorgfältig analysierten Forschungsergebnissen. Sie sollte immer auf den Dialog mit der Gesellschaft, d.h. insbesondere auch mit Zielgruppen außerhalb der Wissenschaft ausgelegt sein.

Aktiv Wissenschaftskommunikation betreiben sollten deshalb nicht nur die Einheiten, die an Forschungsinstitutionen für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig sind. Es ist zunehmend wichtig, dass sich auch Wissenschaftler*innen selbst als Kommunikator*innen sehen, die Interpretationshilfen zu großen globalen Veränderungsprozessen, die wir alle alltäglich wahrnehmen, anbieten. Es ist dann stets der Leser*innenschaft überlassen, inwiefern diese Interpretationshilfen aufgegriffen werden. Es ist unsere Aufgabe als öffentlich-finanzierte Wissenschaftler*innen, sie als Reflexionsplattformen anzubieten. Die sozialen Medien bieten vermehrt die Möglichkeit, in den direkten Dialog mit der breiteren Öffentlichkeit zu treten. Ich halte dies für sehr geeignet – auch wenn es mir nicht immer leichtfällt.

Was motiviert Sie morgens und wie denken Sie abends darüber nach?

Dies ist ganz unterschiedlich. Meist bin ich morgens erst einmal Mutter und Ehefrau, bis zum ersten Kaffee. Während dieser ersten Tasse und einigen Erzählungen meiner Kinder oder einer Geschwisterstreitigkeit zum Aufwachen, durchläuft meine Identität in gewisser Weise eine Metamorphose. Der Blick in die Tagesschau-App erinnert mich an den tagespolitischen Stand, die Kalender-App an das Tagesprogramm. Spätestens wenn die Kinder das Haus verlassen, bin ich in meinem beruflichen Selbst angekommen.

Was mich motiviert, ist sehr vielseitig. Die Inhalte meiner Arbeit – Forschung, Lehre und Beratung zu Fragen internationaler Zusammenarbeit, lokaler nachhaltiger Entwicklung und der Rolle von Wissenschaft für diese –, der Austausch mit sehr unterschiedlichen Typen von Menschen, das strukturierte Durchdenken von Arbeitsprozessen und Entscheidungsstrukturen und immer wieder die Herausforderung, erstmal noch nicht zu wissen und im Team Antworten zu erarbeiten. Wie ich abends darüber nachdenke, hängt vom Tag selbst ab, und von den Möglichkeiten, im Gespräch mit Kolleg*innen auch die unschönen Seiten des Arbeitsalltags reflektieren zu können. Wenn dies nicht gelungen ist, muss mein Mann am Abend zuhören.

Welche Frage würden Sie gerne einmal beantworten, die Ihnen noch nie gestellt wurde?

Das ist eine gute und schwere Frage. Ich will an Ihre Frage nach der Motivation anschließen, doch statt nach der alltäglichen nach den langfristig tragenden Motivationen fragen – meiner selbst genauso wie die meiner Kolleg*innen. Wer sind die heutigen Institutsleitungen mit nachhaltiger Entwicklung und internationaler Kooperation im Institutsmandat? Was treibt sie an? Eine Reihe interdisziplinärer Forschungsinstitute zu Fragen nachhaltiger Entwicklung in der deutschen Wissenschaftslandschaft wurden Anfang der 1990er Jahre und, mit Bezug auf den 1987 veröffentlichten Brundtland-Bericht ‚Our Common Future‘, nicht selten auch auf den Reaktorunfall in Tschernobyl am 26. April 1986, gegründet. Das Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF) an der Uni Bonn oder auch das Leibniz-Zentrum für marine Tropenforschung in Bremen – beides Institute an denen ich in der Vergangenheit gearbeitet habe – sind entsprechende Beispiele. Die Gründung des DIE lag in der Zeit, in der ehemalige Kolonien zu unabhängigen Ländern wurden und der Bereich der ‚Entwicklungszusammenarbeit‘ als Form internationaler Kooperation aufgebaut wurde.

All diese Institute gehen sukzessive in die vierte, fünfte, sechste Führungsgeneration über. Welche entwicklungs-, außen-, und nachhaltigkeitspolitischen Meilensteine prägen diese neue Generation von Institutsleitungen? Die Umweltbewegung der 70er/80er Jahre, der Zusammenbruch der Sowjetunion, begleitet von massiven sozio-ökonomischen Transformationsprozessen in Zentralasien, dem Kaukasus und Osteuropa, die deutsche Wiedervereinigung, die Golfkriege, 9/11, Afghanistan oder aber Klimawandel, Migrationsbewegungen, globale Machtverschiebungen und die momentane Pandemie? Was bedeuten diese teils frühen Prägungen heutiger Institutsleitungen für die deutsche Wissenschaftslandschaft? Es ist eine Frage nach der Ernsthaftigkeit unseres Tuns, nach unseren Partner*innen und Verbündeten und nach unseren Möglichkeiten, nach unserer Schlagkraft, sich gemeinsam für nachhaltige Entwicklung, internationale Kooperation und das Schaffen der Grundlagen für globales Gemeinwohl einzusetzen. Vielleicht können wir zu dieser Frage noch einmal in einigen Jahren sprechen.

Das Interview führte Yana Adu