Tobias Zumbrägel forscht zu Fragen der Nachhaltigkeit in der arabischen Welt

Sehr geehrter Herr Zumbrägel, Sie arbeiten als Wissenschaftler beim Center for Applied Research in Partnership with the Orient (CARPO). Was ist die Arbeit von CARPO?

Als unabhängige Forschungseinrichtung fördert CARPO die nachhaltige Partnerschaft mit der islamischen Welt. Neben Analysen und Studien besteht ein Großteil der Arbeit in der Durchführung von Projekten, die darauf abzielen einen Wissenstransfer und Dialog zwischen Interessensvertretern aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Politik zu öffnen. Das Spannende daran ist vor allem, dass CARPO es schafft, Teilnehmer aus unterschiedlichen Ländern an einen Tisch zu bringen, deren Regierungen momentan keine diplomatischen Beziehungen pflegen.

Wie war Ihr Werdegang und was sind Ihre Forschungsschwerpunkte?

Dass ich am Ende in der Nahostforschung gelandet bin, ist vorwiegend darauf zurückzuführen, dass ich meinen Zivildienst in Ägypten verrichtet habe. Das war eine tiefgreifende Erfahrung mit weitreichenden Implikationen. Noch während des Auslandsaufenthaltes verwarf ich meine ursprüngliche Idee, Latein und Geschichte auf Lehramt zu studieren und begann stattdessen ein Bachelorstudium der Islamwissenschaften und Geschichte an der Universität zu Köln. Zahlreiche Praktika brachten mich in den Semesterferien immer wieder in die Region zurück und Kairo wurde für mich so etwas wie eine zweite Heimat. Für das Masterstudium suchte ich – tief geprägt von den sozialen Umbrüchen 2010/2011, die ich teilweise hautnah in Ägypten miterlebt hatte – einen stärkeren sozialwissenschaftlichen Forschungsschwerpunkt, was mich zu dem Studiengang „Comparative & Middle East Politics and Society“ (CMEPS) von der Universität Tübingen und der American University in Cairo (AUC) brachte. Zum Ende des Studienganges entdeckte ich das Thema Nachhaltigkeit mit Bezug auf die arabische Welt für mich und verfasste meine Masterarbeit über die Klimapolitik in Katar.

Im Anschluss promovierte ich zu einem recht ähnlichen Thema (nachhaltige Politik als Legitimationsstrategie in den ölreichen Golfmonarchien) am Institut für Politische Wissenschaft an der Universität Erlangen und arbeitete in einem Projekt zu Autokratisierung in den arabischen Golfmonarchien, welches von der Deutschen Forschungsgesellschaft gefördert wurde. Als Lehrbeauftragter im Studiengang „Digitale Geistes- und Sozialwissenschaften“ beleuchtete ich zudem Fragen der Vereinbarkeit einer digitalen Transformation mit nachhaltiger Entwicklung. Seit November 2019 arbeite ich vor allem als Forscher bei dem Center for Applied Research in Partnership with the Orient (CARPO), wo ich mich neben zahlreichen anderen Themen auch mit Themen der Nachhaltigkeit und Umweltpolitik in der arabischen Welt befasse.

In einer neuen Publikationsreihe an der Sie beteiligt sind, widmet sich CARPO speziell dem Thema Nachhaltigkeit. Können Sie uns dazu mehr erzählen?

Das Thema Nachhaltigkeit wurde in der arabischen Welt in der Vergangenheit sehr stiefmütterlich behandelt, obwohl die Weltregion von den Folgen des Klimawandelns extrem betroffen ist (und auch noch sein wird). Während in den letzten Jahren zahlreiche Studien entstanden sind, fehlt es immer noch an einschlägigen Forschungsarbeiten zu der Perspektive, die man auch unter dem Stichwort der ‚politischen Ökologie’ zusammenfassen kann. Konkret geht es darum, Themen der Nachhaltigkeit mit Fragen von politischer Macht, Ideologie, Legitimität und auch Umweltaktivismus zu verbinden. Die CARPO Studie möchte hierzu einen ersten, recht breiten Überblick bieten, um als Auftakt der Publikationsreihe einen Querschnitt durch verschiedene Subregionen des Nahen Ostens und Nordafrika mit Blick auf Nachhaltigkeit zu vollziehen. Mir geht es vor allem darum, wie das Politikfeld der Nachhaltigkeit von unterschiedlichen Akteuren bespielt wird und was die Motive sind.

Sie sind unter anderem auch als Lehrender an der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg tätig und stehen somit an der Schnittstelle zwischen Forschung und Lehre. Was macht für Sie gelungene Wissenschaftskommunikation aus?

Tatsächlich empfinde ich das Zusammenspiel beider Tätigkeiten als gewinnbringend. Für mich sind Austausch und Dialog wichtige Leitplanken für eine gelungene Wissenschaftskommunikation. Hier geht es vor allem darum, unterschiedliche Meinungen nicht nur ausdrücken, sondern auch aushalten zu können. Karl Popper hat es passend mit dem Satz umschrieben: „I may be wrong and you may be right, and by an effort, we may get nearer to the truth„. Das bedeutet auch, dass Wissenschaftler den Mut haben müssen, ihren Elfenbeinturm zu verlassen und Themen und Wissen in die Gesellschaft zu tragen. Leider werden Wissenschaftler, die in die Öffentlichkeit treten, nicht nur von Teilen der Gesellschaft, sondern auch von anderen Fachkollegen immer wieder auf unkonstruktive Weise kritisiert und sogar angefeindet. Hier ist noch viel Arbeit zu leisten, fest verankerte Denkmuster aufzubrechen.

Was motiviert Sie morgens und wie denken Sie abends darüber nach?

Es ist eigentlich jeden Tag eine andere Aufgabe, die mich motiviert und auch der Grund, weshalb ich meinen Job so schätze: Morgens ist es manchmal die Vorfreude auf die Begegnung mit spannenden Menschen und Themen (im Seminar, in einem von CARPO organisierten Workshop oder auf Konferenzen). Mal ist es eine spontane Idee, die Einkehr in einem entstehenden Text finden soll. Kurz nach dem Aufwachen ist es aber definitiv immer ein starker Kaffee.

Besonders in der gegenwärtigen Situation einer Pandemie empfinde ich sehr große Dankbarkeit, meinen Beruf ohne allzu große Einschnitte ausüben zu können. Generell ist es vor allem auch das Privileg, mein Hobby zur Arbeit zu machen. Das versuche ich mir nahezu täglich bewusst zu machen und den Tag damit abzuschließen.

Welche Frage würden Sie gerne einmal beantworten, die Ihnen noch nie gestellt wurde?

Das ist eine schwierige Frage, die mir so noch nie gestellt wurde. Spontan aus dem Bauch heraus beantwortet: Was war ihre erste Musikplatte. Einfach aus dem Grund, weil Planet Punk von der Band Die Ärzte für einen neunjährigen Knirps sehr cool war.

Eine Frage, die mir zwar mal gestellt worden ist, an die ich mich aber noch gut erinnern kann, kam von meiner ehemaligen Professorin. Nach meiner mündlichen Bachelorprüfung fragte sie, ob ich es jemals bereut hätte, mich auf so ein ‚Orchideenfach‘ einzulassen. Auch Jahre danach würde ich solch eine Frage zu meinem tendenziell eher ungewöhnlichen Berufsweg mit allen verbundenen Unsicherheiten und prekären Verhältnissen verneinen. Aber ich finde es gut, wenn man ab und zu mal innehält und eingeschlagene Pfade reflektiert. Noch besser, wenn solch ein Impuls auch mal von außen kommt. Darüber hinaus, würde ich vermutlich auch nicht nein sagen, wenn ein Verlag mich bitten würde, ein Buch über die zukünftige Entwicklung der arabischen Golfmonarchien zu schreiben (auch wenn ich mit meiner Doktorarbeit erst kürzlich ein Buch fertig gestellt habe).

Das Interview führten Verena Hammes & Yana Adu