BUND: Plastikatlas 2019 | „Bio“-Plastik – Mais statt Öl ist keine Lösung

Kunststoffe aus nachwachsenden Rohstoffen haben den Ruf, umweltverträglich zu sein. Außerdem bauen sie sich schneller ab. So das Versprechen der Industrie. Ein genauerer Blick zeigt: Die Materialien schaffen neue Probleme.

Sein größter Vorzug ist gleichzeitig sein größtes Problem: Wird Kunststoff so produziert, dass er extrem widerstandsfähig ist, ist er auch fast nicht abbaubar. Je nach Materialart können mehrere hundert Jahre vergehen, bis sich Plastik zersetzt. Als Alternative zum Rohöl als Basis für Kunststoffe werden bereits heute nachwachsende Rohstoffe verwendet. Das mit den sogenannten „Bio“-Kunststoffen verbundene Versprechen lautet: Anders als konventionelles Plastik bauen sie sich schneller ab. Doch dieses Versprechen können sie nicht einhalten. Nur weil in ihrem Namen „Bio“ steht, bedeutet das nicht, dass sie auch um-weltverträglicher sind.

Bei „Bio“-Kunststoffen werden zwei Kategorien unterschieden: Bio-basierte und bio-abbaubare Kunststoffe. Bio- basierte Kunststoffe werden heutzutage hauptsächlich als PET und PE im Verpackungsbereich eingesetzt. Deren biogene Ausgangsmaterialien werden aus Zuckerrohr gewonnen, das überwiegend aus Brasilien stammt. Die Pflanze wird unter erheblichem Pestizideinsatz in Monokulturen angebaut, mit massiven Folgen für Mensch und Natur. Einige der dort verwendeten Pestizide dürfen in der EU nicht eingesetzt werden, um die Gesundheit von Menschen und Tieren, hier besonders Bienen, vor ihrem Gift zu schützen. Der globale Preisdruck und die Marktkonzentration in Brasilien haben zudem zu Niedriglöhnen geführt und fördern die Armut in den Anbauregionen. Seit 2018 ist in Brasilien auch der Anbau von gentechnisch verändertem Zuckerrohr zugelassen. Andere landwirtschaftlich erzeugte Rohstoffe für „Bio“-Kunststoffe wie Mais oder Kartoffeln sind ebenfalls Produkte einer stark industrialisierten Landwirtschaft.

Diese agrarerzeugten Rohstoffe werden in großindustriellen Prozessen zu chemischen Grundstoffen verarbeitet, die dann in die Produktion herkömmlicher Kunststoffe eingespeist werden. Je nach Endprodukt liegt der Anteil erneuerbarer Rohstoffe zwischen 20 und 100 Prozent. Der Rest besteht aus fossilen und zunehmend auch aus recycelten Materialien.

Im Jahr 2017 betrug die Produktionskapazität für bio-basierte Kunststoffe weltweit etwa ein Prozent der Gesamt-produktion von Kunststoffen. Dafür werden derzeit nur 0,02 Prozent der globalen Landwirtschaftsfläche genutzt. Auf den ersten Blick mag es deshalb unproblematisch scheinen, in der Plastikproduktion fossile Rohstoffe durch Agrar-erzeugnisse zu ersetzen. Dieser Anteil soll in den nächsten Jahren jedoch steigen, mit hohen Wachstumsraten. Betrachtet man die Prognosen für die Entwicklung der Kunst-stoffproduktion einerseits und die Auslastung der derzeit bewirtschafteten Agrarflächen andererseits, wird schnell klar: Der Druck auf die weltweiten Ackerflächen würde sich weiter erhöhen. Schon heute führt dieser Druck in einzelnen Regionen zu Wasserknappheit, Artensterben, Wüstenbildung und zum Verlust natürlicher Lebensräume. Die Ausweitung des Anbaus von Agrarrohstoffen ist keine Option, um umweltverträgliches Plastik herzustellen.

Die Gruppe der bio-abbaubaren Kunststoffe soll unter definierten Bedingungen durch Mikroorganismen abge-baut werden. Diese abbaubaren Kunststoffe können zusätzlich bio-basiert sein, müssen es aber nicht. Die Einsatzfelder für derartige bio-abbaubare Kunststoffe reichen von „kompostierbaren“ Abfallbeuteln über Lebensmittelverpackungen wie Joghurtbecher bis hin zu To-go-Bechern und Imbiss-Schalen. Ein eigens dafür entwickeltes europaweites Siegel soll die Kompostierbarkeit des Kunststoffs bescheini-gen. Doch die Realität sieht anders aus.

Nach den Prüfkriterien dieses Siegels müssen die Kunststoffe nach zwölf Wochen bei 60 Grad Celsius zu 90 Prozent abgebaut sein. In den meisten Kompostieranlagen hat der Müll aber nur etwa vier Wochen Zeit zu verrotten. Eine Verlängerung dieses Prozesses ist in der Regel wirtschaftlich nicht sinnvoll. Am Ende dieses Abbaus bleiben nur Wasser, Kohlendioxid und mineralische Zusatzstoffe zurück, es entstehen aber keine humusbildenden Stoffe. Zusätzlich wird Wärme frei, die ungenutzt für den weiteren Recyclingprozess verloren geht. Um den nächsten Abfallbeutel herzustellen, muss also wieder Energie von außen zugeführt werden. Damit ist dieser Vorgang genau genommen keine Kompostierung, sondern eine reine Entsorgung. Derzeit landen die in Europa verwendeten abbaubaren Kunststoffe zum Großteil in Müllverbrennungsanlagen.

Als Argument für den Einsatz bio-basierter und bio-abbaubarer Kunststoffe wird oft angeführt, dass sie nach den aktuell vorliegenden Ökobilanzen in Bezug auf die Klima-wirkung besser abschneiden als die vergleichbaren herkömmlichen Kunststoffe. Allerdings zeigt sich, dass die positive Bilanz wieder zunichte gemacht wird – durch die Versauerung und die Überdüngung von Böden und Gewässern, die durch den überwiegend konventionellen Anbau von Rohstoffpflanzen für bio-basierte Kunststoffe verursacht werden. Zudem berücksichtigen die Ökobilanzen nicht, wie sich die direkten und indirekten Änderungen der Landnutzung sowie der Einsatz gentechnisch veränderter Pflanzen auswirkt. Auch die Folgen für die Biodiversität in den Anbaugebieten von „Bio“-Kunststoffen sind noch nicht ausreichend erforscht.

Der Versuch, biologische Kreisläufe zu simulieren, wird nicht ausreichen, um den Plastik-Müll einzudämmen. „Bio“-Kunststoffe verlagern vielmehr nur die Problematik und lenken von den tatsächlichen Lösungen ab.

Plastikatlas 2019

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Quelle: Publikationen BUND e.V., 03.07.2019