Dr. Gisela Burckhardt (Frauenrechtsaktivistin, FEMNET e.V.)
Foto: Stephan Röhl

Sehr geehrte Frau Dr. Burckhardt, FEMNET hat sich feministischen Perspektiven auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft verschrieben. Ausgehend von dieser sehr breiten Definition, wo liegen die konkreten Schwerpunkte in der Arbeit Ihres Vereins?

GB: FEMNET versteht Feminismus als eine Bewegung – hin zu einer Aufhebung von Geschlechterhierarchien und sozialer Ungerechtigkeit. Im Fokus unserer Arbeit stehen Menschenrechte in der weltweiten Bekleidungsindustrie. Vor allem in der Bekleidungsindustrie des globalen Südens, wo ein Großteil der westlichen Kleidung genäht wird, sind die Beschäftigten überwiegend weiblich – und den dort herrschenden autoritären Produktionssystemen oft hilflos ausgeliefert.

Unsere Arbeit beruht auf die Säulen:
1. Kampagnen-und Lobbyarbeit: FEMNET setzt sich ein für existenzsichernde Löhne, für das Recht auf gewerkschaftliche Organisation und gegen Diskriminierung der weiblichen Beschäftigten in der Bekleidungsindustrie. FEMNET führt im Rahmen der Clean Clothes Campaign Kampagnen durch und richtet sich dabei an Unternehmen und Politik.
2. Bildungs- und Beratungsarbeit: Das FairSchnitt Projekt kooperiert mit Modehochschulen, um Sozialstandards in die Lehre zu integrieren. FEMNET berät die Stadt Bonn beim Einkauf von fairer Berufskleidung. FEMNET erstellt städtische Einkaufsführer für faire Kleidung (Bonn, Köln) und hält Vorträge für Verbraucher_innen.
3. Mit einem Solidaritätsfonds unterstützt FEMNET Vereine und Gewerkschaften in Indien und Bangladesch bei ihrem Einsatz für Näherinnen durch Spenden.

FEMNET ist Teil des im Herbst 2014 entstandenen Textilbündnisses. Im Textilbündnis sitzen Sie an einem Tisch mit der Politik und der Wirtschaft, um menschenwürdige Produktionsbedingungen in der Textilindustrie zu ermöglichen. FEMNET hat den Zusammenschluss zuletzt kritisiert, wie sehen Sie die Zukunft des Bündnisses und wie muss es sich in Ihren Augen verändern?

GB: Die ersten wichtigen Hürden hat das Textilbündnis in diesem Jahr genommen. Alle Mitglieder müssen nun bis Ende Januar 2017 eigene Umsetzungsziele, sogenannte Roadmaps, erstellen. Die Roadmaps werden die Bereiche benennen, in denen die Mitglieder ihre Lieferanten schrittweise auf bessere Arbeitsbedingungen verpflichten. Die Roadmaps sind also zentrale Leitfäden, an denen abgelesen werden kann, was und wie viel die Mitglieder, insbesondere Unternehmen, aber auch die öffentliche Hand bei der Beschaffung von Textilien, in der kommenden Zeit zu leisten bereit sind. Damit Verbesserungen durch das Textilbündnis bei den Arbeiter_innen in den Produktionsländern ankommen, müssen noch weitere wichtige Entscheidungen im Textilbündnis getroffen werden. Dazu gehört die Überprüfung der Roadmaps und der später folgenden Fortschrittsberichte durch eine unabhängige Instanz (den sog. unabhängigen Dritten). FEMNET hat den Mitgliedern des Textilbündnisses zudem eine Initiative zur Abschaffung der modernen Form der Sklaverei in südindischen Spinnereien vorgeschlagen, erste Schritte in Form einer Sondierungsmission sind erfolgt.

Gemeinsam mit dem Amt für Stadtgrün der Stadt Bonn führen Sie das Projekt „Gute Arbeit fairbindet – faire öffentliche Beschaffung“ durch. Wie genau sieht die Zusammenarbeit mit der Stadt aus und können Sie durch das Projekt einen Wandel in der Wahrnehmung der fairen Beschaffung erkennen?

GB: FEMNET berät die Stadt Bonn, genauer das Amt für Stadtgrün, mit Modelausschreibungen und z.B. der Durchführung von Bieterdialogen, um einen glaubwürdigen Nachweis für die Einhaltung von Sozialstandards in Ausschreibungen zu verankern. Dabei steht FEMNET auch Geschäften und Unternehmen beratend zur Verfügung. Die Beratung wird im kommenden Jahr auf weitere Städte wie z.B. Köln ausgeweitet, Multiplikatorinnen sollen zum Thema ausgebildet werden.

Mit ihrem Projekt „FAIRSCHNITT“ richten Sie sich mit Konferenzen und Workshops an Modestudierende. Ist in der nächsten Generation der Modeschaffenden bereits ein Umdenken mit Blick auf die Produktionsbedingungen im Textilbereich zu erkennen?

GB: Es gibt an den Modehochschulen einen leider eher noch kleinen Anteil sowohl bei den Studierenden als auch bei den Lehrkräften von Interessierten an fairer Kleidung. Allerdings wächst dieser Anteil stetig, viele junge Modedesigner_innen stellen auf Upcycling oder Recycling um oder entwickeln andere nachhaltige Produktionsmethoden. Diese Trendwende kann man auch an der steig steigenden Zahl von Kleinunternehmen feststellen, die auf der Ethical Fashion Week in Berlin ausstellen.

Was motiviert Sie morgens und wie denken Sie abends darüber nach?

GB: Mich motivieren meine hoch engagierten Mitarbeiterinnen, die mit viel Elan an unseren Themen arbeiten. Ich freue mich über unsere kürzlich erstellte taz-Beilage zum Thema „Die moderne Form der Sklaverei in südindischen Spinnereien“ und fände es echt toll, wenn wir eine gute Initiative im Rahmen des Textilbündnisses hinbekommen würden und damit das Leben der jungen Frauen erleichtern könnten.
Abends frage ich mich manchmal, was ich den ganzen Tag gemacht habe und stelle fest, dass viel Zeit in Sitzungen und Telefonkonferenzen geht, die nicht immer produktiv sind.

Welche Frage würden Sie gerne einmal beantworten, die Ihnen noch nie gestellt wurde?

GB: Mir fällt keine ein. Wenn ich zu etwas Stellung beziehen will, dann spreche ich es auch an, ohne gefragt zu werden.

Der FEMNET e.V. ist seit Juni 2016 Jahrespartner des Bonn Sustainability Portals. Eine Selbstdarstellung des Vereins finden Sie hier. Das Interview führte Dominik Biergans.