[:en]von Weizsäcker, Franz et al. (DIE): Trade policy in the digital age[:de]von Weizsäcker, Franz et al. (DIE): Handelspolitik im digitalen Zeitalter[:]

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In view of the executive orders US-President Trump signed this weekend, , the risk of an escalation in protectionist measures, or even new trade wars, is more pervasive than ever. This would have fatal consequences, not least for the weaker members of society and the poorer countries of the world. These rely particularly on international trade having a basis in rules rather than power.

At its latest meeting in Baden-Baden in March the G20 failed to achieve a common commitment to countering protectionism – usually a central pillar of the joint G20 position. Open world trade is under increasing pressure. However, making globalisation the scapegoat for the fears of employees, consumers and domestic companies will not address the challenges currently facing us. In the age of social media people’s attention is gained via simple messages in tweets of 140 characters. Populists use this to stoke mistrust and fear. The entry of Trump to the White House rendered aggressive mercantilism acceptable in Washington, calling into question the foundations of the trade system.

At the same time, many people perceive trade policy as too complex and opaque. The protests against the Transatlantic Trade and Investment Partnership in Germany were an indication that reforming global trade can no longer be undertaken over the heads of citizens. The protests were directed not only towards the content of the negotiations, but also against the manner in which these were conducted.

Trade policy 4.0

The question is this: how can the framework of trade policy be radically reconceived in a way that meets current challenges? How can globalisation be made more participative and inclusive and the trust of citizens regained?

The required trade policy reform also needs to focus on the technological paradigm shift of the present and future. Whilst digitalisation has become a matter of course for global companies and customs authorities, the framework of trade policy remains stuck in the 20th century. Much potential goes untapped. We should seize the opportunity to initiate a discussion about the possible form of a new trade policy 4.0.

Firstly, trade policy needs to become more transparent and tangible for business, academia and citizens. The availability of data is key here, and visualisation and public communication can render complex issues comprehensible. For example, new technology forms already enable a consumer scanning his product with a smartphone to examine the entire global chain of production, customs as well as social and environmental standards.

Secondly, trade policy should become more participative. Instead of negotiations between governments, held behind closed doors over a period of several years, governments could use the new technology to elicit the interests and concerns of citizens prior to negotiations, in a form of “crowd sourcing”. During the negotiations themselves increased use could be made of social media to inform people of the progress of the negotiations. And when forecasting and examining the effects of the treaty the new technology could be used to obtain the assessments of the groups concerned, instead of relying solely on statistical estimates.

Thirdly, digital trade can boost small and medium-sized companies. As in the vision of Jack Ma, founder of internet giant Alibaba, the creation of a new “Electronic World Trade Platform” could prove a good supplement to the WTO. The idea is for companies, supported by governments, to establish joint e-commerce hubs, which would in turn enable small and medium-sized enterprises to sell their goods and services across borders, with low or no import duties, speedy customs clearance and efficient logistics.

A fourth step would be the use of blockchains. The forgery-proof accounting of blockchain technology can record data on products and their production worldwide, offering not only reliable traceability and consumer information as a consequence. A detailed data situation regarding individual products may one day form the centrepiece of a new type of governance in world trade. In this way the production processes throughout the entire value chain could flow into trade policy if the World Trade Organization were to allow more scope for this, for example with a view to the carbon footprint of products.

Many open questions still remain with regard to the trade policy of the digital future. A first step on this path lies in identifying and using the opportunities of the new technology, which enable a rethink of trade policy. We believe that bold steps are required to re-establish the legitimacy of the global trading system and make it more transparent and participative.

Source: Website DIE, 03.04.2017

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Angesichts der Dekrete zur Handelspolitik, die US-Präsident Trump am Wochenende unterzeichnet hat, ist die Gefahr allgegenwärtiger denn je, dass es zu einer Eskalation protektionistischer Maßnahmen oder gar zu neuen Handelskriegen kommt. Das hätte fatale Folgen, nicht zuletzt für die Schwächeren in unseren Gesellschaften und für die ärmeren Länder rund um den Globus. Sie sind besonders darauf angewiesen, dass der internationale Handel regel- und nicht rein machtbasiert ist.

Die G20 konnten sich auf ihrem jüngsten Treffen in Baden-Baden im März nicht zu einem gemeinsamen Bekenntnis gegen Protektionismus durchringen – normalerweise ein Grundpfeiler der gemeinsamen G20-Position. Offener Welthandel gerät zunehmend unter Druck. Die Globalisierung zum Sündenbock für die Sorgen von Arbeitnehmern, Verbrauchern und heimischen Betrieben zu erklären, wird den aktuellen Herausforderungen jedoch nicht gerecht. Im Zeitalter sozialer Medien erreicht man die Aufmerksamkeit der Bürgerinnen und Bürger mit einfachen Botschaften in Tweets mit 140 Zeichen. Das nutzen Populisten, um Misstrauen und Ängste zu schüren. Mit dem Einzug Trumps ins Weiße Haus wurde ein aggressiver Merkantilismus in Washington salonfähig, der die Festen des Handelssystems in Frage stellt.

Gleichzeitig empfinden viele Bürgerinnen und Bürger die Handelspolitik als zu komplex und intransparent. Nicht zuletzt die Proteste gegen die Transatlantic Trade and Investment Partnership (TTIP) in Deutschland haben verdeutlicht, dass Reformen des Welthandels nicht länger über die Köpfe der Bürger hinweg angegangen werden können. Die Proteste richteten sich nicht nur gegen die Inhalte der Verhandlungen, sondern auch gegen die Art und Weise wie verhandelt wird.

Handelspolitik 4.0

Die Frage ist: Wie kann die Gestaltung von Handelspolitik radikal neu gedacht werden, so dass sie den heutigen Herausforderungen gerecht werden kann? Und wie kann sie partizipativer und inklusiver gestaltet und das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger wiedergewonnen werden?

Die notwendige Reform der Handelspolitik muss den Fokus auch auf den technologischen Paradigmenwechsel der Gegenwart und Zukunft legen. Während die Digitalisierung eine Selbstverständlichkeit für globale Unternehmen und Zollbehörden geworden ist, bleibt die Ausgestaltung der Handelspolitik noch im 20. Jahrhunderts stecken. Viele Potenziale bleiben ungenutzt. Wir sollten die Gelegenheit ergreifen, um eine Diskussion zu starten, wie eine neue Handelspolitik 4.0 aussehen kann.

Erstens muss Handelspolitik für Wirtschaft, Wissenschaft und die Bürgerinnen und Bürger transparent und greifbar werden. Die Verfügbarkeit von Daten ist der Schlüssel hierzu und durch Visualisierungen und Öffentlichkeitskommunikation können die komplexen Sachverhalte verständlich gemacht werden. Zum Beispiel erlauben neue Technologien schon jetzt, dass ein Verbraucher, der sein Produkt mit dem Smartphone scannt, die gesamte globale Produktionskette, Zölle, sowie Sozial- und Umweltstandards nachvollziehen kann.

Zweitens muss Handelspolitik partizipativer werden. Statt Regierungsverhandlungen, die über mehrere Jahre hinter verschlossenen Türen stattfinden, könnten Regierungen die neuen Technologien nutzen, um vor Beginn der Verhandlungen im Sinne eines „Crowd-Sourcing“ die Interessen und Bedenken der Bürgerinnen und Bürger abzufragen. Während der Verhandlungen können soziale Medien noch stärker genutzt werden, um über den Fortschritt der Verhandlungen zu informieren. Und bei der Prognose und Überprüfung der Effekte der Abkommen, können die neuen Technologien genutzt werden, um die Einschätzung der betroffenen Gruppen einzuholen, anstatt sich allein auf statistische Schätzverfahren zu stützen.

Drittens kann digitaler Handel kleine und mittlere Unternehmen fördern. Wie in der Vision von Jack Ma, dem Gründer des Internetgiganten Alibaba, könnte die Schaffung einer neuen „Electronic World Trade Platform“ eine gute Ergänzung zur WTO darstellen. Die Idee ist, dass Unternehmen, unterstützt von Regierungen, gemeinsam E-Commerce-Hubs gründen, die es kleinen und mittelständischen Unternehmen erlauben, grenzübergreifend zu verkaufen, mit niedrigen oder keinen Einfuhrzöllen, schneller Zollabwicklung und effizienter Logistik.

Ein vierter Schritt wäre der Einsatz von Blockchains. Die fälschungssichere Buchführung der Blockchain-Technologie kann Daten über Produkte und deren Produktion und Handel weltweit erfassen und bietet damit nicht nur verlässliche Rückverfolgbarkeit und Verbraucherinformation. Eine detaillierte Datenlage zu einzelnen Produkten kann eines Tages das Kernstück einer neuartigen Governance des Welthandels werden. Auf diese Weise könnten die Produktionsprozesse entlang der gesamten Wertschöpfungskette in Handelspolitik einfließen, wenn die Welthandelsorganisation dafür mehr Raum ließe, zum Beispiel mit Blick auf den CO2-Fußabdruck von Produkten.

Noch gibt es viele offene Fragen mit Blick auf die Handelspolitik der digitalen Zukunft. Ein erster wichtiger Schritt auf dem Weg besteht darin, die Chancen der neuen Technologien zu erkennen und zu nutzen, die es ermöglichen, Handelspolitik neu zu denken. Wir glauben, dass mutige Schritte erforderlich sind, um die Legitimität des globalen Handelssystems wiederherzustellen und es transparenter und partizipativer zu machen.

Quelle: Website DIE, 03.04.2017

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